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07. Oktober 1999 - Erklärungen, Reden und andere Dokumente zur Geschichte

50 Jahre DDR - "Vorwärts und nicht vergessen?"

Lothar Bisky am 7. Oktober im "Tränenpalast" in Berlin

Dies hier ist sicher kein Ort für Festveranstaltungen. Und es ist auch keine Festveranstaltung, die uns hier zusammen führt. Wohl aber ist es ein Moment des Innehaltens, ein Moment der Erinnerung - 50 Jahre nach dem Gründungstag der DDR und im 50. Jahr des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland. Also: Kein Tag des Jubels, aber auch kein Tag der Trauer.

Der "Tränenpalast" ist heute kein Ort des Tränen-Vergießens mehr - zumindest nicht mehr des politisch motivierten oder politisch verursachten Tränen-Vergießens. Er ist aber sehr wohl ein symbolträchtiger Ort - und deswegen sind wir hier: Dieser Ort lag in der DDR - und doch jenseits von ihr.

Wer hier stand, wo ich jetzt stehe, der hatte den Westen schon fest im Blick und die DDR-Wirklichkeit noch im Hinterkopf und in den Kleiderritzen.

Doch er ließ die DDR hinter sich. Nur die Wenigsten der hier Durchreisenden kehrten auf Dauer in die DDR zurück. Dafür hatte die DDR selber gesorgt, denn von denen, die ihre Heimat in der DDR hatten, traten nur die wenigsten ihre Reisen über Orte wie den Tränenpalast an.

Der Aufbruch der vielen schließlich vollzog sich 1989 in der Hauptstadt nicht kontrolliert durch die Schleusen des Tränenpalastes, sondern stolz und selbstbestimmt auf dem Berliner Alexanderplatz - nicht auf den Westen schielend, sondern selbstbewusst und einen reformierten, modernen, demokratischen und auch sozialistischen Staat im Blick.

Heute ist der Tränenpalast ein Platz ganz in der Nähe des neuen Regierungsviertels - vor allem aber ein Symbol der wirklichen neuen Mitte von Berlin: hier treffen sich jene, die sich nicht mehr in Ossis und Wessis geteilt sehen wollen, die nicht allein in der Tradition der Bonner Republik stehen wollen. Jene, die eine neue Kultur leben - die in beiden deutschen Kulturen und in einer Weltkultur wurzelt.

In Blickweite von hier, am anderen Ufer der Spree, hat ein Stück deutscher und Weltkultur sein Domizil: das Berliner Ensemble, das Brecht-Theater. Der große deutsche Dichter hatte seinen Schritt in die DDR wohl abgewogen und ganz bewusst vollzogen - als unabhängiger Geist, aus tiefer innerer Überzeugung und nach ernster Abwägung. "Wie es einem hier in Berlin oder noch besser in seinem östlichen Sektor und in der Ostzone gefällt", so hatte Jacob Walcher Ende November 1947 an Brecht in Zürich geschrieben, "hängt ja bekanntlich ganz von der inneren Einstellung ab. Es gibt da welche, die sich todunglücklich fühlen, und andere, die - erfüllt von dem Gedanken, wir bauen eine neue Welt - voller Zuversicht sind, obwohl die Gegenwart sehr hart und die Schwierigkeiten ganz außerordentlich sind. Du wirst dich also hier bestimmt wohl und ganz am Platz fühlen. Also sieh' zu, dass du bald kommst. Wir brauchen dich."

Brecht kam und wurde gebraucht - wenn auch nicht immer gewollt mit dem, was er tat, was er dachte, was er schrieb. Die "Obrigkeit" im Lande wollte sich zwar mit ihm schmücken, aber mit der politischen und intellektuellen Unabhängigkeit dieses überzeugten und geradlinigen Kommunisten kam sie nicht klar. Man wollte erziehen, nicht lernen. Man wollte belehren, nicht diskutieren. Auch das Publikum, die Menschen im Lande, lebten möglicherweise besser mit der späteren Legende als mit dem realen Menschen und seinem Werk. "Die Literatur muss wiederum ohne nationalen Widerhall auskommen, und sie bekommt den der Arbeiterklasse nur mit abscheulichen Nebengeräuschen", klagte Brecht Anfang der 50er-Jahre. Diese Tatsachen markieren nicht nur die Tragik im Leben Brechts, sondern auch viel von der Tragik der DDR und der Tragik der Menschen, die in ihr lebten und für sie lebten. Bertolt Brecht hat diesen Teil der "deutschen Misere" selbstbewusst und aufrecht gekontert. Man "muss ... die Kritik nie fürchten", ermunterte er seinen Freund Paul Dessau, "man wird ihr begegnen oder sie verwerten, das ist alles." Und sein Satz "Ich habe meine Meinungen nicht, weil ich hier bin, sondern ich bin hier, weil ich meine Meinungen habe", war schließlich ein Leitbild selbstbewussten Auftretens vieler Sozialistinnen und Sozialisten und vieler ihnen nahe stehender Menschen, die in der und für die DDR eine stabile und bessere Zukunft wollten.

Tragik, so sagt Sophokles sinngemäß, ist die unangemessen große Bestrafung des Menschen für selbst verursachte Schuld. Wenn das so ist, dann bedarf das Wort von der Tragik der DDR einer Präzisierung. Das geht nicht ohne eine kritische Bilanz jener Art von Auseinandersetzung mit der DDR, wie sie die ersten zehn Jahre nach ihrem Ende dominierte. Vor einigen Monaten hat die "Berliner Zeitung" ein Geschichtsforum in Potsdam resümiert - und damit freiwilig oder unfreiwillig auch weit darüber hinaus gewiesen. Es war zu lesen: "Statt an Muße fehlt es an tragfähigen Kategorien zur Aufarbeitung der DDR-Erfahrungen. Die utopischen Antriebe der 'Versuchsanordnung DDR' wurden auch von den ostdeutschen Teilnehmern alle unter dem Siegel ihres Resultats, der Einparteien-Diktatur, wahrgenommen und damit vergessen. Hier hat die Totalitarismus-Theorie, die die Diktatur ebenso formal beschreibt wie die Demokratie, ganze Arbeit geleistet. ... Es ist die ... anhaltende Entpolitisierung des Denkens, die die bewusste Aneignung der Geschichte der DDR erschwert, sowohl die ihres Beginns, als auch die ihres Endes, als sich die DDR-Bevölkerung für die radikale Änderung der ökonomischen Gesellschaftsgrundlagen entschied. Wie, warum, mit welchen Intentionen das geschah, darüber scheinen unter den damaligen Akteuren die Meinungen weiter auseinander zu gehen als im Westen."

Nimmt man diese Kritik ernst, dann ist Schuld nicht auf das enge Täter-Opfer- Schema zu reduzieren, in das Biografien und Lebensentscheidungen aus der DDR- Zeiten nach dem Ende der DDR gepresst wurden. Tragik bestimmt sich dann aus dem Scheitern utopischer Antriebe und sehr konkret menschlicher - humanistischer - Absichten. Und die Schuldfrage ist die Frage nach der persönlichen politischen Verantwortung dafür, dass diese Absichten nicht dauerhaft und tragfähig zur Geltung kamen. Das ist - fünfzig Jahre nach Gründung und zehn Jahre nach dem Scheitern der DDR - die Frage an Sozialistinnen und Sozialisten.

Was hat uns, die wir aus der SED kommen, über allen Frust und alle Einsicht in die Mängel des DDR-Systems hinweg, dazu gebracht, an der DDR und an ihrer Art Sozialismus als Basis festhalten zu wollen?
  • Der DDR-Sozialismus hatte dafür gesorgt, dass jeder mit seiner Hände Arbeit seine Existenz Gewähr leisten konnte - vor unserer westlichen Haustür entwickelte sich Massenarbeitslosigkeit.
  • Der DDR-Sozialismus hatte weithin gleiche soziale und kulturelle Standards für die überwiegende Mehrheit gewährleistet und Mann und Frau rechtlich, in ihrer Menschenwürde sowie weitgehend als Werktätige gleich gestellt - er kannte keine himmelschreienden sozialen und geschlechtsspezifischen Unterschiede wie im Westen. Die Schattenseite bildeten sanktionierte Privilegien für Angehörige gehobener Schichten, faktische Privilegien für die Verwalter des Mangels sowie die auch soziale Ausgrenzung jener, die den vom System für die Teilhabe an der sozialen Gleichheit geforderten Preis - die ideologische Loyalität und Unterwerfung im Zweifelsfall - nicht zu zahlen gewillt waren.
  • Der DDR-Sozialismus war ein Friedensfaktor in Europa und der Welt, er galt in Ost und West - ob geliebt oder ungeliebt - als wichtiger Baustein der Nachkriegsordnung, und er zeichnete sich durch eine durchaus flexible internationale Politik in diesem Sinne aus.
Die Konstruktionsfehler des Systems - sein undemokratischer Charakter, die autoritäre Herrschaft, die allumfassende geistige Enge, die politische Überfremdung und Deformation der Wirtschaft - galten vielen Menschen als überwindbar. Letzten Endes aber haben diese Konstruktionsfehler das System zum Zusammenbruch gebracht und die von vielen erlebten Vorzüge zerstört.

War die Reform des realen Sozialismus eine Illusion? Hat man politisch eine solche Reform für möglich halten und also sein Verhalten daran ausrichten dürfen? Das ist eine der großen Fragen, die wir uns stellen müssen und die wir uns stellen lassen müssen.

Man wird mit ihr nicht allein aus der Perspektive des Herbstes 1989, aus der alleinigen Sicht auf die letzten Jahre des Niedergangs der DDR oder auf die gravierenden Systemfehler zurande kommen. Denn zum einen setzt jede tief greifende Umgestaltung in einer Gesellschaft - und das waren die kommunistisch geführten Veränderungen ohne Frage - auch neue Potenzen in unterschiedlichen Bereichen frei und ermöglicht damit auch Bewegungsräume. Zum anderen aber haben solche tief greifenden Umwälzungen, auch wenn sie sich etabliert haben, über die Zeitläufe hinweg immer wieder offene Phasen oder Momente, gelangen sie an Scheidewege, an Scheidepunkte, von denen aus auch andere als die bis dahin absehbaren und akzeptierten Entwicklungsrichtungen zumindest möglich sind. Wann treten solche Momente ein? Wenn die Entwicklung in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Technologie national oder international neue Fragen aufwirft: - Fragen, die in der Tendenz mit den alten Mitteln nicht mehr zu lösen sind, - Fragen, in deren Licht früher als unmöglich Geltendes plötzlich in greifbare Nähe rückt- Fragen, die immer weniger Diskussion und immer mehr Entscheidung verlangen.

Solche Situationen hat auch die DDR immer wieder durchlebt. Dies nährte nicht nur die Vision, sondern markierte auch die Herausforderung an uns, mit dem Ausbruch aus der Enge des realen Sozialismus den Grundstein zu legen für eine sozial gerechte Leistungsgesellschaft, für eine ökologisch und ethisch verantwortliche Gesellschaft, für eine umfassend demokratisierte Gesellschaft, die historisch bewährte Formen wie den Parlamentarismus mit erweiterten Formen der Volksherrschaft von der Öffentlichkeit nicht nur exekutiver Prozesse bis zu Gestaltungsräumen für Bürgerinitiative wie für Basisstrukturen überhaupt verbindet. Wir sind dem nicht gerecht geworden. Der frühere stellvertretende Vorsitzende der DDR-Plankommission, Siegfried Wenzel, schrieb in seinem bemerkenswerten Buch "Plan und Wirklichkeit": "Die DDR ist untergegangen. Die Mehrheit des Volkes hat sich von ihr abgewandt. War es deshalb ein 'umsonst gelebtes Leben', wie ein ehemaliger Generaldirektor eines führenden Kombinates der DDR schrieb? Es kann mit der Formel 'gewagt und verloren' beschrieben werden; aber nach dem Verlorenen kommt noch etwas, nämlich die Gewinnung von Erkenntnissen und Erfahrungen."

Ich stimme dem zu. Mit der Formel "'was Gutes gewollt, aber Pech gehabt'" können und dürfen wir uns nicht aus der Affäre ziehen.

Zumindest zwei Grundirrtümer, mit denen wir uns selbst blockiert haben, will ich hier und heute klar benennen.

Der eine bestand darin, dass wir die Missstände, mit denen wir uns konfrontiert sahen, als - wie Brecht notierte - "Kinderkrankheiten,nichts Schlimmeres" betrachteten und damit gering schätzten. Wir beruhigten uns in unzulässiger Weise selbst: Kinderkrankheiten sind schlimm, aber bei guter Pflege zu überstehen. Und wenn der Mensch erwachsen ist, sind sie von selbst ausgestanden. Genau das war der Irrtum. Es handelte sich nicht um Kinderkrankheiten, sondern um die Wirkungen ernster, dauerhafter Defekte. Und deswegen war nicht Pflege angesagt, sondern Tiefentherapie. Wir haben sie nicht geleistet.

Der zweite Grundirrtum bestand darin, dass es tatsächlich und immer sinnvoll und notwendig sein könnte, Debatten, Kritik und Auseinandersetzung um jeden Preis zu vermeiden. Brecht ist deswegen niemals zu seinem Rosa-Luxemburg-Stück gekommen, das wir vielleicht so dringend gebraucht hätten. "Ich bin über ein Vorspiel nie hinaus gekommen", erklärte er 1952 seinem Biografen Ernst Schumacher. "Ich habe mich mit anderen besprochen. Wir sind zu der Meinung gelangt, dass eine wahrheitsgetreue Bearbeitung nur den Zwiespalt in der Arbeiterbewegung vertiefen, alte Wunden wieder aufreißen würde. Das war angesichts der Reaktion, angesichts der Notwendigkeit, die eigenen Reihen zu festigen, nicht zu verantworten. ...Ich hätte in bestimmter Weise gegen die Partei argumentieren müssen." Genau das hätten wir tun müssen - viel öfter und viel konsequenter.

Mit diesen selbstkritischen Tönen will ich meine Besinnung auf die DDR beenden. Ich glaube zutiefst, der von mir hoch verehrte Brecht würde angesichts dessen mit Milde und Zustimmung auf mich herab sehen. Denn eines wusste er: "Schönfärberei und Beschönigung sind nicht nur die ärgsten Feinde der Schönheit, sondern auch der politischen Vernunft." Wie wahr.

Lassen Sie mich also zum Abschluss noch einmal den Blick aus dem Tränenpalast heraus und über das Haus am Schiffbauerdamm hinweg werfen. Wenn wir uns mit dem beschäftigen, was war, ist immer besonders wichtig, was wir daraus lernen. "Die wichtigste der Lehren", so resümierte Brecht sein politisches Leben, "bestand darin, dass eine Zukunft für die Menschheit nur 'von unten her', vom Standpunkt der Unterdrückten und Ausgebeuteten aus, sichtbar wurde. Nur mit ihnen kämpfend, kämpft man für die Menschheit."
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