linkspartei Politik Partei Presse Links Kontakt Shop Service Ende der Hauptnavigation
26. März 2006 - Erklärungen, Reden und andere Dokumente zur Geschichte

Antifaschismus gehört zum Grundverständnis einer demokratischen Gesellschaft

Rede von Lothar Bisky, Vorsitzender der Linkspartei.PDS, am 26. März 2006 auf einer Kundgebung anläßlich des 120. Geburtstages von Ernst Thälmann in Berlin

Verehrte Anwesende, Ernst Thälmann wurde mehr als 11 Jahre von den Nationalsozialisten gefangengehalten. Dem jahrelangen Widerstehen Ernst Thälmanns, seiner Zukunftsgewissheit, daß Hitlerdeutschland in absehbarer Zeit überwunden sein würde, gehört unser Respekt - gehört mein Respekt - auch in der Zukunft. Wir ehren ihn heute, weil sich in diesem Jahr sein Geburtstag zum 120. Mal jährt. Die furchtbaren und sinnlosen Gefechte des ersten Weltkrieges erlebte er im Dreck der Schützengräben. Dies ist der bittere historische Hintergrund für seine konsequente antimilitaristische Haltung und sein leidenschaftliches Eintreten für den Weltfrieden. In den 20er Jahren wurde Ernst Thälmann einer der bekanntesten Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Kommunistischen Internationale.

Weil ich Thälmann als aufrechten Mann ehren möchte, sei mir auch heute gestattet, historisch-kritische Momente seiner Biografie sehr ernst zu nehmen. Sein Name steht bis 1933 auch für eine Politik, die das Zusammengehen verschiedener Strömungen der internationalistischen Arbeiterbewegung behinderte. Schon zu Lebzeiten begannen die Versuche, Thälmanns Irren und Suchen durch Legenden zuzudecken. Das verhindert nach meiner Auffassung eine wahrhafte Würdigung seiner Persönlichkeit. Ernst Thälmann spielte nicht - wie so oft erzählt - die Hauptrolle beim isoliert gebliebenen Hamburger Aufstand 1923. Die KPD musste ihre weltrevolutionären Feuer gegen die Realität einer allein gebliebenen Sowjetunion eintauschen. Ernst Thälmanns Anteil an der Stalinisierung der KPD sowie der Kommunistischen Internationale bedarf einer marxistischen Aufarbeitung. Stalin brauchte und missbrauchte den charismatischen deutschen Arbeiterfunktionär im Machtkampf gegen Bucharin und Sinowjew im eigenen Land. Es verging noch viel, viel Zeit, bis der KPD Ansätze zu einer Kursveränderung auf der Parteikonferenz 1935 gelangen.

Verehrte Anwesende, Ernst Thälmanns Name war in der DDR allseits präsent. Noch heute - und das zurecht - sind Straßen nach ihm benannt. Nicht alle der zahlreichen Denkmale und Erinnerungstafeln fielen den Bilderstürmern nach 1989/1990 zum Opfer. Auch das Denkmal hier im Ernst-Thälmann-Park gehört dazu.

Im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, in dem heute der Parteivorstand der Linkspartei.PDS tätig ist, arbeitete Thälmann von 1926 bis 1933. In der DDR wurden an diesem historischen Gebäude gleich zwei Gedenktafeln angebracht. Auf einer der Tafeln wird Ernst Thälmanns als dem Führer der deutschen Arbeiterklasse gedacht. Früher und heute hielten und halten nichtkommunistische Arbeiterfunktionäre und Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter und auch viele Menschen ohne irgendein Parteibuch dies zumindest für eine Übertreibung. Doch zugleich, das kann und möchte ich hier berichten, ist das Interesse am Karl-Liebknecht-Haus als historisches Gebäude des roten berlin gewachsen und Berlinbesucher kommen und stellen Fragen, auch wo Ernst Thälmann gearbeitet hat und wie wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen.

Für mich gehört es daher an einem solchen Tag dazu, daran zu erinnern, wie die PDS 1989 aus der SED entstanden ist: Der Bruch mit dem Stalinismus gehörte von Anfang an zu den erklärten Grundsätzen meiner Partei. "Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System" - hieß es auf dem Dezember-Parteitag. Unsere Orientierung auf die demokratisch sozialistische Grundströmung hat viel Innovatives freigesetzt. Zugleich fanden wir uns in schmerzhaften Auseinandersetzungen wieder, denen wir nicht länger aus dem Wege gehen wollten.

Nach 17 Jahren ist in der heutigen Linkspartei.PDS etwas Neues entstanden, was ein Gedenken an Ernst Thälmann zu einer produktiven, aufrechten und lebendigen Aneignung werden lässt. Man kann heute nicht übersehen, daß auch aus der Mitte der Gesellschaft Versuche kommen, unter bestimmte Geschichtsabschnitte einen Schlussstrich ziehen zu wollen. Dabei wird der antifaschistische Grundkonsens, mit dem beide deutsche Staaten bei ihrer Gründung erklärtermaßen angetreten waren, zur Disposition gestellt. Es ist keine vier Jahre her, da erschien ein Sammelband, der vom "missbrauchten Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken" erzählen wollte. Doch der einstigen Einseitigkeit des Antifaschismus und der Überbetonung des kommunistischen Anteils wird man nicht gerecht, indem man sich klammheimlich des Antifaschismus entledigt als wäre der das Problem und nicht der Faschismus die Ursache.

Auch gegen diesen subtilen Antikommunismus werden wir uns immer verwahren. Ich möchte deshalb an folgende Worte von Michael Schumann erinnern: "Der Antikommunismus negiert, indem er über die Widersprüchlichkeit der kommunistischen Bewegung hinweggeht, die aus jenem Wärmestrom gespeisten Motive und die geschichtliche Tragweite insbesondere des antifaschistischen Kampfes deutscher Kommunisten. Der Antikommunismus hat es wirklich fertiggebracht, ihr Martyrium einem verstockten Glauben an eine andere Diktatur zuzurechnen und ihre Ermordung auf diesem Umweg nachträglich zu rechtfertigen. Diesem Antikommunismus sich anzuverwandeln heißt, die kommunistischen Opfer des Faschismus zu verraten und ein zweites Mal umzubringen." Verehrte Anwesende, mit dieser Äußerung bleibt Michael Schumann aktuell.

Die Neuaneignung des Antifaschismus ist und bleibt eine umfangreiche Tagesaufgabe. Seine historischen Wurzeln und Vermächtnisse stehen für ein Leben in kultureller Vielfalt und intellektueller Freiheit. Mit den anderen Mitgliedern der Partei der Europäischen Linken, die sich im letzten Oktober zu ihren ersten regulären Kongress in Athen trafen, mit Widerstandskämpferinnen und -kämpfern gegen den Faschismus, mit Frauen, Männern und Jugendlichen - gleich, ob sie sich als Konservative, Liberale, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter verstehen -, mit ihnen und mit den Überlebenden der Konzentrationslager sind wir uns einig: Antifaschismus gehört in Europa und in einer gerechten Welt zum Grundverständnis einer demokratischen Gesellschaft und der europäischen Kultur.

Die Ehrung Ernst Thälmanns mahnt uns zu einem aufgeklärten Blick auf aktuelle Entwicklungen. Wir brauchen mehr Anstrengungen für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen in kommunalen Parlamenten, in den Medien, in Schulen und auf der Strasse. Hier in Berlin gehen genau wie in Hamburg, in Bochum, in Leipzig, in Halbe und anderswo Menschen unter dem Motto "Bunt statt braun" auf die Strasse. Im politischen Ringen um "eine neue Welt des Friedens und der Freiheit" - wie es im Buchenwaldschwur heißt - sind die Erfahrungen der Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, zu denen auch an vorderster Stelle Ernst Thälmann gehörte, bleibend und ermutigend.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Zur Geschichte
ERWEITERTE SUCHE SUCHE