linkspartei Politik Partei Presse Links Kontakt Shop Service Ende der Hauptnavigation
12. März 1999 - Erklärungen, Reden und andere Dokumente zur Geschichte

Die Doppelbiographie der Bundesrepublik. Zum Phänomen der deutschen Zweistaatlichkeit

Thesenpapier der Historischen Kommission

Anläßlich der 50. Jahrestage der Gründung der BRD und der DDR hat der Sprecherrat der Historischen Kommission beim Parteivorstand der PDS am 6. März 1999 das folgende Diskussionspapier verabschiedet, das von Jürgen Hofmann erarbeitet und in der Historischen Kommission am 4. Februar beraten wurde:

In diesen Tagen und Wochen bereitet sich die Bundesrepublik Deutschland auf ihren fünfzigsten Geburtstag vor. Das ist Anlaß zur Rückschau auf den Gründungsakt, der letztlich zur Weichenstellung für die deutsche Staatlichkeit und die deutsche Gesellschaft am Ausgang unseres Jahrhunderts wurde. Dabei gerät leicht aus dem Blickfeld, daß zur Biographie der Bundesrepublik mittlerweile auch die Geschichte des zweiten deutschen Staates gehört, der sich als Alternative verstand. Das Scheitern der Deutschen Demokratischen Republik und ihr Beitritt zur Bundesrepublik vor einem knappen Jahrzehnt macht reichlich vier Jahrzehnte deutscher Zweistaatlichkeit nicht ungeschehen. Inzwischen wird kaum noch ernsthaft bestritten, daß die DDR-Gesellschaft als Sozialisationszusammmenhang und zeitgeschichtlicher Erfahrungswert den Staat, der sie hervorgebracht hat, wenigstens partiell überdauerte. Deshalb ist es für die Gesellschaft der Bundesrepublik abträglich, dieses Erbe zu ignorieren, auch wenn es aus der Sicht maßgeblicher Eliten ein ungeliebtes sein sollte. Im staatlich wiedervereinigten Deutschland treffen zwei Stränge deutscher Nachkriegsentwicklung zusammen. Sie münden beide in aktuelle Prozesse und politische Konstellationen und gehören somit zur historischen Substanz der heutigen Bundesrepublik, unabhängig davon wie sie im einzelnen bewertet und gewichtet werden.

Die mehr als vier Jahrzehnte währende deutsche Zweistaatlichkeit ist nur aus einem Geflecht von inneren wie äußeren Ursachen und Bedingungen zu erklären. Einseitige Schuldzuweisungen oder das bloße Wiederholen zeitgenössischer, den Denkschablonen des Kalten Krieges verhafteter Beschreibungen und Bewertungen werden der Tragweite und Widersprüchlichkeit der Vorgänge nicht gerecht.

Nahezu unstrittig dürfte der Anteil der Besatzungsmächte an der deutschen Teilung sein. Da sich der Konsens der Anti-Hitler-Koalition nicht ohne weiteres in die Nachkriegszeit verlängern ließ, mußten konträre machtpolitische Interessen sowie ordnungspolitische Vorstellungen zwangsläufig stärkeren Einfluß auf die deutsche Nachkriegsentwicklung gewinnen. Die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen nahm die deutsche Teilung vorweg, weil ein Kompromiß der Siegermächte zur deutschen Frage ausblieb. Die Entscheidung für eine staatliche Reorganisation der Westzonen Deutschlands fiel bereits ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die programmatische Rede des US-Außenministers Byrnes in Stuttgart 1946 setzte dafür ein öffentliches Zeichen. Die Ausgrenzung der sowjetischen Besatzungszone wurde bewußt in Kauf genommen.

Die deutsche Teilung ist aber ebenso ein Resultat innerer Auseinandersetzungen zwischen politischen und sozialen Kräften in Deutschland, deren Wurzeln und Anfänge bis in die Weimarer Republik und in die Zeit des Deutschen Kaiserreiches zurückreichen. Nach der deutschen Kriegsniederlage im zweiten Weltkrieg und nach der Zerschlagung des Faschismus von außen stellte sich gebieterisch die Frage: Was kommt nach Hitler? Die von den unterschiedlichen politischen Gruppierungen gegebenen Antworten erwiesen sich als ordnungspolitische Richtungsentscheidungen. So polarisierten sich frühzeitig die politischen und sozialen Kräfte. Auf dem Boden der Zoneneinteilung und angesichts der zusehends voneinander abweichenden Besatzungspolitik bildeten sich bald unterschiedliche Verhältnisse, Entwicklungsbedingungen und Konstellationen in Ost und West heraus. Begünstigt wurde dies durch den Verlust gesamtstaatlicher und nationaler politischer Strukturen. Die politischen Kräfte in Deutschland vermochten es nicht, über parteipolitische Schranken hinweg nationale Minimalforderungen zu formulieren und den Anspruch auf eine zentrale deutsche Verwaltung und einen Friedensvertrag gemeinsam geltend zu machen.

Weder in West noch in Ost konnte es eine bloße Neuauflage der Weimarer Republik geben. Die Fortführung vorhandener staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen verbot sich von selbst. Diese gemeinsame Ausgangssituation blieb trotz unterschiedlicher Schlußfolgerungen und sich zuspitzender Konfrontation Ansatz für einen Konsens zwischen beiden deutschen Nachkriegsstaaten, der in das von beiden Seiten bekräftigte Leitmotiv mündete, daß von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Wenn nach dem Verbindenden für ein gemeinsames historisches Selbstverständnis der heutigen Bundesrepublik gefragt wird, sollte unbedingt an die deutsche Friedenspflicht angeknüpft werden. Die Besinnung auf den antifaschistischen und friedenspolitischen Gründungskonsens sollte ein gemeinsames Element unseres Selbstverständnisses bleiben.

Von den Gründervätern beider deutscher Teilstaaten wurden jedoch auch unterschiedliche Lehren aus der deutschen Geschichte gezogen. Während im Westen die bürgerlichen Gesellschaft erneuert und nach westlichem Demokratieverständnis gestaltet wurde, setzten im Osten die bestimmenden politischen Kräfte auf den radikalen Umbau der Gesellschaft und ihrer Strukturen. Völlig unterschiedliche Ansätze und Ziele wurden beim Austausch von Funktionsträgern des Deutschen Reiches, in der Eigentumsfrage und zur Frage des Staatsaufbaus verfolgt. Die Gründer der Bundesrepublik entschieden sich für eine Wiederherstellung der vom NS-Regime eliminierten Föderativstruktur; die der DDR sahen in der zentralisierten Republik die geeignete Form, um gesellschaftliche Umgestaltungen effektiv durchsetzen zu können. Die Erfahrungen der Weimarer Republik und des NS-Regimes führten zur konsequenten Ausgestaltung der individuellen Grundrechte im Grundgesetz und zur Sicherung des Prinzips der Gewaltenteilung. Auch die erste Verfassung der DDR gewährte traditionelle Bürgerrechte, ermöglichte aber zugleich deren Beschränkung zugunsten gesellschaftlicher Umgestaltung. Die Gewaltenteilung war aufgehoben. Die deklarierte universelle Zuständigkeit der Volksvertretung mißriet zur Allmacht der SED und ihrer Führung.

Die Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg schloß notwendigerweise Sanktionen gegen Träger, Hintermänner und Nutznießer dieses verbrecherischen Systems ein. Sie rückte die Verantwortung von Großgrundbesitz und Monopolkapital ins Blickfeld. Mit der Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher und der Bodenreform wurden im Ostteil zwar radikale, aber durchaus naheliegende Schlußfolgerungen gezogen. Als antifaschistische Maßnahmen, die den sozialen Ausgleich förderten, fanden diese Enteignungen breite Zustimmung. Sie veränderten nachhaltig das politische und soziale Kräfteverhältnis und bereiteten eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft vor. Im Westen Deutschlands unterblieben generelle Eingriffe in die Eigentumsstrukturen auch dann, wenn sie, wie in Hessen, durch demokratische Entscheidungen und Verfassungsoptionen gedeckt waren. Während nach einer gemeinsamen Phase der Entnazifizierung Beamte und Funktionsträger des Dritten Reiches in der Bundesrepublik wieder in Verwaltungs- und Staatsverantwortung einrücken konnten, blieb für die DDR die weitreichende personelle Erneuerung auf allen Ebenen charakteristisch. Der "Elitenaustausch" bot bisher benachteiligten Schichten die Möglichkeit zu politischer Teilhabe und sozialem Aufstieg. Er orientierte sich an Leitbildern der sozialistischen Bewegung und war Element eines Emanzipationsprozesses. Die "Aufbaugeneration" blieb deshalb der DDR trotz aller Konflikte mehrheitlich eng verbunden.

Bundesrepublik und DDR waren Ergebnisse des Kalten Krieges. Sie waren Objekt und in wachsendem Maße zugleich Subjekt, Vorposten und Hauptpartner ihrer Hegemonialmächte in einer globalen Systemkonfrontation, in die sie bis Ende der achtziger Jahre eingebunden blieben. Die Konfrontation hat die beiden deutschen Gesellschaften so nachhaltig geprägt, daß sie bis in die Gegenwart nachwirkt und als politische sowie soziale Nachhutgefechte die politische Kultur der Bundesrepublik belastet.

Zwischen den beiden Strängen deutscher Nachkriegsentwicklung lassen sich vielfältige wechselseitige Abhängigkeiten und asymmetrische Verschränkungen ausmachen. Viele Ereignisse und Vorgänge erschließen sich erst aus diesem Blickwinkel. Die Systemauseinandersetzung verlangte sowohl den Bezug auf den nationalen Konkurrenten als auch die deutliche Abgrenzung von ihm. Dabei ist die Eigenlogik sich ausschließender Wege nicht zu übersehen, zumal sie durch die unterschiedlichen internationalen Verflechtungen und Abhängigkeiten noch verstärkt wurde. Die Spaltung Deutschlands bot die Möglichkeit, die eigenen Leit- und Ordnungsvorstellungen wenigstens in einem Teil durchzusetzen, um sie später auf den anderen übertragen zu können. Beide deutsche Staaten begriffen sich deshalb zunächst als Provisorien, die zu gegebener Zeit um den konkurrierenden Teilstaat zu ergänzen waren. Jede Seite verstand sich als Kernstaat einer kommenden deutschen Einheit. Daran knüpften sich Alleinvertretungsansprüche und Einmischungsstrategien, "Magnettheorien" bzw. Vorstellungen von einer "historischen Mission", die stets von der Überlegenheit des eigenen Systems ausgingen. Der wechselseitige Ausschließlichkeitsanspruch blockierte lange Zeit eine tragfähige Regelung der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Erst die Anerkennung der deutschen Zweistaatlichkeit öffnete den Weg aus der Konfrontation zu vertraglich geregelter, begrenzter Kooperation. Sie war zugleich eine notwendige Bedingung des europäischen Entspannungsprozeß, der letztlich den Boden für die staatliche Einheit bereitete.

Die Systemkonkurrenz und der damit verbundene Wettbewerb wirkte sowohl fördernd als auch hemmend auf die Entwicklung beider deutscher Teilstaaten. Die Entscheidung für das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, vor allem aber deren Ausbau während mehrerer Jahrzehnte ist zweifellos von dieser Wettbewerbssituation stimuliert worden. Ähnlich mußte die DDR den Lebensstandard ihrer Bevölkerung letztlich immer an der Bundesrepublik messen lassen. Die partiellen Abweichungen der DDR vom sowjetischen Modell, die sich u. a. in der sozialökonomischen Struktur und im Parteiensystem zeigten, wurden gleichfalls durch die besondere Konkurrenzsituation begünstigt.

In der Auseinandersetzung der Systeme, die wiederholt am Rande eines atomaren Weltkrieges ausgetragen wurde, schuf sich jede Seite ihr Feindbild. Nicht nur die realen Gegebenheiten, sondern gerade die verzerrte wechselseitigen Wahrnehmungen blockierten lange Zeit die deutsch-deutschen Beziehungen. Sie wirkten auf verheerende Weise zurück auf den Umgang mit nicht sytemkonformen Kräften im eigenen Macht- und Einflußbereich. Der übersteigerten Sicherheitsdoktrin und Sicherungspraxis der DDR stand in der Bundesrepublik eine antikommunistische repressive Staatsräson gegenüber. Diese Konstellation erhellt zwar eine der Ursachen für die politischen Verfolgungen in der DDR, kann aber deren antihumanen Praktiken und deren Ausmaß niemals rechtfertigen. Die Bundesrepublik hat auf Restriktionen und politische Strafverfolgung ebenfalls nicht verzichtet. Sie übertrafen das in Westeuropa seinerzeit Übliche. Wechselseitige Aufrechnungen führen uns jedoch eher zur Rechtfertigung, als zu Aufklärung und Rehabilitierung. Sie konservieren Konflikte, an deren Auflösung der Gesellschaft gelegen sein muß.

Die Systemkonfrontation mit den ihr innewohnenden Gefahren innen- und außenpolitischer Konflikte warf ihren lähmenden Schatten auch auf Protestbewegungen und Versuche demokratischen Aufbegehrens. Die Arbeitererhebung gegen Normerhöhungen und SED-Herrschaftspraktiken im Juni 1953 in der DDR wurden von der SED-Führung als Konterrevolution abgestempelt, von den regierenden Kräften der Bundesrepublik als "Tag der deutschen Einheit" vereinnahmt. Auch die intellektuelle "Tauwetter-" und Reformdebatte 1956 erstickte im Freund-Feind-Schema der SED-Politik. Ähnlich mußten sich die Bewegungen gegen Remilitarisierung und atomare Rüstung in der Bundesrepublik ständig der Unterstellung erwehren, Erfüllungsgehilfen des Ostblocks zu sein. Die Breitenwirkung der studentischen Protestbewegung 1968 mit ihren antiimperialistischen Losungen und ihrem emanzipatorischen Ansprüchen blieb angesichts realsozialistischer Wirklichkeit begrenzt. Dennoch löste sie für die Bundesrepublik einen Reformimpuls aus. Der "Prager Frühling" scheiterte an der unerbittlichen Blocklogik und der militärischen Intervention, bevor er Anziehungskraft entfalten konnte.

Das internationale Wettrüsten zwischen den Systemen drängte beide deutsche Staaten in eine gefährliche und zugleich paradoxe Situation. Ihre Einbindung in feindliche Militärblöcke Mitte der fünfziger Jahre machte sie einerseits zum wahrscheinlichen Schlachtfeld eines verheerenden dritten Weltkriegs. Hier standen sich über Jahrzehnte die stärksten militärischen Potentiale unmittelbar gegenüber. Als hochsensible Zone potentieller Kriegsgefahr waren beide deutsche Staaten aber andererseits gleichzeitig eine Zone erhöhter gegenseitiger Aufmerksamkeit und Feld des Interessenausgleich. Dies zeigte sich deutlich bei der Errichtung der Berliner Mauer 1961, der ein amerikanisch-sowjetischer Interessenabgleich vorausgegangen war. Als am Übergang zu den achtziger Jahren die Raketenhochrüstung zu einer existentiellen Bedrohung wurde und in eine neue "Eiszeit" zwischen den Blöcken hineinzuführen drohte, sorgten beide deutsche Staaten dafür, daß der Gesprächsfaden zwischen Ost und West nicht abriß, obwohl sie dabei zeitweilig in einen Interessenkonflikt mit ihren Hegemonialmächten gerieten.

Die DDR und die Bundesrepublik waren Staaten mit gegensätzlicher außenpolitischer Orientierung. Im Zuge ihrer Westbindung vermochte die Bundesrepublik Deutschland das historisch belastete Verhältnis zum französischen Nachbarn neu zu gestalten. Die Deutsche Demokratische Republik leistete Pionierarbeit für die Normalisierung des deutsch-polnischen Verhältnisses. Es bleibt ihr Verdienst, politische und kulturelle Weichen für das Verständnis der osteuropäischen Völker gestellt zu haben. Noch ist die unter den Bedingungen der Zweistaatlichkeit vollzogene Öffnung nach Westen und nach Osten nicht Allgemeingut der bundesdeutschen Gesellschaft. Angesichts laufender und bevorstehender europäischer Integration sollte diese Erbschaft nicht vernachlässigt oder gar ausgeschlagen werden.

Die Spaltung Deutschlands war wesentlich mit der Orientierung an völlig unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfen verbunden. Während die DDR das Modell des Staatssozialismus übernahm, wurde in der Bundesrepublik ein sozialstaatlich regulierte Kapitalismus bestimmend. Die Verwirklichung der gegensätzlichen Gesellschaftskonzepte ließ beide deutsche Staaten immer schneller auseinanderdriften. Auf deutlich voneinander geschiedenen politischen und ökonomischen Grundlagen entstanden arbeitsteilig auf das eigene Territorium und unterschiedliche internationale Bindungen ausgerichtete Volkswirtschaften, eine spezifische Sozialstruktur und geistig-kulturelle Verflechtungen sowie unterschiedliche Wertorientierungen. Die über Jahrzehnte währende Eigenentwicklung führte schließlich zu einem Grad der Spaltung, der weit über das Staatliche hinausreichte und manchem wohl erst nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik voll bewußt wurde. Die lange Zeit von beiden deutschen Staaten abgegebenen Bekenntnisse zur deutschen Einheit vermochten an der Logik unterschiedlicher Entwicklung nichts zu ändern. Die Abschottung der DDR 1961 und der Rückzug der SED von der gesamtdeutschen Option Anfang der siebziger Jahre waren das faktische Eingeständnis, im Systemwettbewerb bei offenen Grenzen und fortdauernder nationaler Verklammerung nicht bestehen zu können. Die Bundesrepublik wiederum korrigierte mit dem Amtsantritt der Regierung Brandt/Scheel ihre Deutschlandpolitik, weil das Konzept der Nichtbeziehungen und der nationalen Alleinvertretung die Spaltung nicht aufhob sondern eher verhärtete und außerdem den eigenen Einfluß auf den europäischen Entspannungsprozeß gefährdete.

Die Chance zu einem qualitativ neuen Miteinander beider Teile Deutschlands war eröffnet, nachdem die Bürgerinnen und Bürger der DDR im Herbst 1989 gegen die Allmacht des SED-Politbüros aufbegehrten und ihre Verfassungsrechte einforderten. Diese friedliche Revolution mit ihren Massendemonstrationen, ihrer praktizierten Gewaltlosigkeit, ihren "Runden Tischen" auf allen Ebenen und ihrer Streitkultur bleibt eine Sternstunde der Demokratie. Ihr Ziel war Selbstbestimmung und nicht Selbstaufgabe. Der Verfassungsentwurf des "Runden Tisches" widerspiegelt die Visionen dieser ostdeutschen Demokratiebewegung, zu der auch reformwillige Kräfte der SED gehörten. Die regierenden Kräfte der Bundesrepublik waren jedoch weder willens noch fähig, den Impuls dieses demokratischen Aufbruchs aufzugreifen, obwohl das Grundgesetz die Möglichkeit gemeinsamer staatlicher Neuordnung ausdrücklich vorsah. Sie instrumentalisierten die ostdeutsche Protestbewegung für den forcierten Beitritt zur Bundesrepublik. Die Enttäuschungen, die gegenwärtig das Verhältnis zwischen neuen und alten Bundesländern belasten, beziehen sich nicht zuletzt auf damals verbreitete Illusionen.

Die deutsche Zweistaatlichkeit hinterließ nicht nur tiefe Spuren in Politik, Kultur und Volkswirtschaft, sondern auch im Alltagsbewußtsein und im Spektrum der sozialen Verhaltensmuster. Diese Prägungen sind auf unterschiedliche Weise auch von denen verinnerlicht, die dem jeweiligen System ablehnend oder reserviert gegenüberstanden. Während sich für die Bevölkerung der alten Bundesländer die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zunächst nicht spürbar veränderten, versetzte der Untergang der DDR und der für die Vereinigung gewählte Weg die ostdeutsche Bevölkerung in einen Anpassungszwang, der kurzfristig von den meisten nicht bewältigt werden kann. Die massenhafte Entwertung von Biographien und Lebenserfahrungen stellt eine Belastung der deutschen Einheit dar. Sie kann nur durch die gleichberechtigte Beteiligung der Ostdeutschen an der Gestaltung der gemeinsamen Zukunft nach und nach aufgehoben werden. Dafür müssen politische Leitideen, weitere gesetzgeberische Voraussetzungen sowie ein günstiges Klima in West und Ost entwickelt werden.

Der Ausgang der Systemauseinandersetzung begünstigt die Tendenz, die kritische Analyse zeitgeschichtlicher Vorgänge ausschließlich auf die unterlegene Seite zu konzentrieren. Der Reformbedarf der Bundesrepublik, der bereits vor 1990 offensichtlich war, gerät dabei leicht aus dem Blickfeld. Bewußtes politisches Handeln verlangt aber dringend nach einer kritischen Rückschau auf die Geschichte der Gesellschaft, die sich zwar in der Systemauseinandersetzung als überlegen erwies, deren Probleme und Konflikte mit diesem Sieg aber nicht verschwanden. Daß die DDR einer prinzipiellen kritischen Betrachtung bedarf, kann angesichts ihres Scheiterns infolge historisch bedingter sowie selbstverschuldeter Deformationen kein Streitpunkt sein. Ihre Pauschalverurteilung jedoch befremdet viele Ostdeutsche, weil sie sich weder mit den eigenen differenzierten Erfahrungen noch mit der historischen Wirklichkeit deckt. Sie reproduziert Feindbilder und verstellt den Bürgern der alten Bundesländer den Zugang zum Verständnis der DDR-Gesellschaft und ihrer Langzeitwirkungen. Die Bundesrepublik Deutschland unternimmt alles, um materielle, geistige, kulturelle und personelle Spuren der vormals konkurrierenden deutschen Gesellschaft zu tilgen. Der wird vorzugsweise die Funktion eines Kontrastmittels zugewiesen, das der eigenen Selbstbestätigung zu dienen hat. So soll tradiertes Selbstverständnis gefestigt und auf die neuen Bundesländer ausgeweitet werden. Dies läuft jedoch, ob gewollt oder nicht, auf die Ausgrenzung ostdeutscher Erfahrungen hinaus.

Die deutsche Zweistaatlichkeit war Begleiterscheinung und gleichzeitig Sonderfall der bipolaren Welt des zwanzigsten Jahrhunderts. Weder ihre Entstehung, noch ihre Verfestigung oder ihr Ende können deshalb allein aus nationalen Zusammenhängen und Faktoren erschlossen werden. Die DDR konnte den Zusammenbruch des Staatssozialismus in Europa und seines Bündnissystems nicht überdauern. Doch Grenzen des Wachstums sind auch dem sozialstaatlich regulierten Kapitalismus und seiner neoliberalen Variante gesetzt. Der verbuchte Triumph über den Staatssozialismus ist keine Gewähr für die Lösung gegenwärtiger und künftiger existentieller Probleme. Er enthält auch nicht die Antworten auf die globalen Herausforderungen unserer Zeit. Für die Mehrheit der Ostdeutschen ist der Vergleich zwischen den Systemen auf absehbare Zeit kein Abwägen zwischen Theorien, sondern zwischen konkreten Lebensumständen und Alltagserfahrungen. Der Mangel an Demokratie und an individuellen Freiheitsrechten, der die DDR-Gesellschaft prägte, entwertet nicht erfahrene soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, die garantierte Einbeziehung ins Erwerbsleben sowie erlebte Möglichkeiten eigener Bildung und beruflicher Qualifikation.

Über vier Jahrzehnte getrennte staatliche Entwicklung in gegensätzlichen Gesellschaften haben unterschiedliche zeitgeschichtliche Erfahrungen begründet. Das erste Jahrzehnt der deutschen Einheit hat den Befund der "geteilten Erinnerung" bekräftigt. Die unvoreingenommene Einbeziehung des jeweils anderen Weges, d. h. die Annahme der Doppelbiographie steht in Ost und West noch weithin aus. Selbst gemeinsame historische Wurzeln werden größtenteils unterschiedlich wahrgenommen. Sicherlich kann es nicht darum gehen, aus "geteilter Erinnerung" ein homogenes Bild deutscher Nachkriegsgeschichte zu fügen. Für die weitere Gestaltung der deutschen Einheit ist es jedoch unerläßlich, auch in der jeweils anderen Vergangenheit ein Erbe und einen Erfahrungswert zu erkennen, der in die gemeinsame Gegenwart hineinwirkt und Handlungsvoraussetzung für die gemeinsame Zukunft in einem zusammenwachsenden Europa bleibt.

Historische Kommission beim Parteivorstand der PDS
12. März 1999

Zur Geschichte
ERWEITERTE SUCHE SUCHE