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Die Parteitage der Linkspartei.PDS
3. Tagung des 10. Parteitages
15. Juni 2007, Berlin

Gregor Gysi: Wisst ihr was: Wir werden wichtiger. Na und!

Schlusswort des Fraktionsvorsitzender der Fraktion DIE LINKE. Im Deutschen Bundestag

Liebe Genossinnen und Genossen, damals vor 17 1/2 Jahren bildete sich ein Ausschuss zur Vorbereitung des Außerordentlichen Parteitages. Es werden so ungefähr 25 Mitglieder gewesen sein, die danach ganz unterschiedliche Wege gegangen sind. Einige leben auch nicht mehr. Aber es ist trotzdem interessant, wer von denen heute noch hier ist: Lothar Bisky, Ellen Brombacher, Roland Claus, Klaus Höpcke, Dieter Klein und natürlich Hans Modrow, Heinz Vietze, in diesem Falle auch ich. Immerhin: Eine ganze Zahl ist noch da, die sich damals auf den Weg gemacht haben.



Wir standen vor einer schwierigen Situation. Der Staatssozialismus wurde von immer mehr Bürgerinnen und Bürger der DDR abgelehnt, und immer mehr Bürgerinnen und Bürger gingen auch auf die Idee zu, die DDR aufzugeben und einen einheitlichen deutschen Staat zu schaffen. In dieser Zeit übernahm ein Mann riesige Verantwortung. Das war Hans Modrow, und zwar in erster Linie - ich möchte daran erinnern - zunächst gar nicht vornehmlich für uns, sondern für die gesamte DDR. Er hat für alle Punkte gesorgt, die damals wichtig waren: von Heizung, Ernährung, die Organisation, alle rechtlichen Fragen, bis hin dazu, dass alles die ganze Zeit friedlich verlief. Es gab sehr viel Aufregung. Er hat einen großen Anteil daran, dass kein einziger Schuss gefallen ist. Lasst mich noch etwas hinzufügen: Viele hatten etwas davon, und er hat Undank und Verachtung geerntet, aber nie von uns. Dabei wird es auch bleiben. Hans, wir danken dir!



Ich hatte hier noch so viele schöne Sätze für dich, aber ihr habt zu schnell zu stark geklatscht. Ich wollte noch sagen, dass deine Bescheidenheit, deine Geradlinigkeit eine große Wirkung hatten. Ich wollte noch sagen, dass viele Dinge aufgelöst werden mussten, z.B. das Ministerium für Staatssicherheit, dass das nur durch dich ging, und zwar auch weil du vorher Funktionär warst. Auf dich haben sie gehört. Auf andere hätten sie doch gar nicht gehört. Da ich damals dabei war, weiß ich, wie schwer das war. Ich weiß auch, wie du Tag und Nacht daran gearbeitet hast. Dann bist du unser Ehrenvorsitzender geworden. Das war auch sehr wichtig. Du hast immer um die Partei gestritten. Dabei haben wir auch beide miteinander gestritten. Das ist doch normal. Aber wir waren immer zuverlässig zueinander, und auch dabei wird es bleiben.



Ich will auch kurz etwas zu einer ehemaligen Vorsitzenden, nämlich Gabi Zimmer, sagen, weil von ihr heute noch gar nichts gesagt worden ist: Sie wurde in einer schwierigen Zeit Vorsitzende. Als die Partei in eine Krise gerät - das ist wieder typisch Frau, muss ich mal sagen -, da hatte sie nicht nur den Mut, einen Sonderparteitag zu fordern, sondern auch sich selbst zurückzunehmen. Das muss man erstmal können. Deshalb sind wir auch ihr zu Dank verpflichtet.



Dann möchte ich einen weiteren Namen erwähnen: Ich möchte einem Mann danken, der von Anfang an mitgewirkt hat und der in seiner Bescheidenheit in der Politik einzigartig ist, der so etwas von extrem uneitel ist, dass man sich jeden Beruf für ihn vorstellen kann, bloß nicht den, den er ausübt und der immer sehr integrativ gewirkt hat und der uns aus vielen Krisen geführt hat: Lothar Bisky, wir sind dir zu tiefem Dank verpflichtet und das bleibt auch so!



Also Dietmar, da ich jetzt noch einen Satz zu dir sagen will, plädiere ich dafür, die Beifallzeiten abzuziehen, da ich sonst mit meiner Redezeit nicht hinkomme. Ich werde jetzt keine weiteren Einzelpersonen benennen. Das würde so ungerecht werden, weil viele Verdienste haben. Aber einen will ich doch noch nennen, und das ist Dietmar Bartsch, und zwar aus einem Grunde - nicht wegen der heutigen Funktion als Bundesgeschäftsführer. Wir waren im Jahre 1990 in einer tiefen Finanzkrise. Es war weltweit keiner zu finden, der freiwillig unser Schatzmeister geworden wäre. Der einzige, der es damals gemacht hat, das war Dietmar Bartsch. Er hat uns aus dieser Krise hervorragend herausgeführt. Ich denke, das sollte man heute auch noch einmal so klar sagen.



Ich möchte nun etwas zu unseren Aufgaben und Leistungen, um die es damals ging, sagen: Viele wollten keinen Staatssozialismus mehr. Viele wollten auch die DDR nicht mehr. Aber es gab doch auch Millionen Menschen, die anders dachten. Es gab Millionen, die zu den Eliten in der DDR gehörten - nicht nur zu den politischen, zu den künstlerischen, zu den wissenschaftlichen, zu dem, was man heute Beamte nennt, die damals Staatsangestellte waren. Was macht man eigentlich mit solchen Millionen Menschen? Es gibt immer Leute, die über Geschichte urteilen, die dann immer denken, die sind einfach weg. Die Millionen blieben aber alle da. Sie hatten auch Interessen. Die Frage war: Wer artikuliert diese Interessen? Ist es überhaupt gerechtfertigt, sie zu artikulieren. Viele moralische Fragen kamen auf uns zu. Das Wichtigste war doch folgendes bei der Wende 1989/90, nämlich, dass alle die, die vorher Verantwortung getragen hatten, bereit waren, friedlich, ohne eine einzige Waffe einzusetzen diese Macht abzugeben, das heißt zu akzeptieren, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine andere Sicht auf die Dinge bekam. Das war nicht selbstverständlich. Ich behaupte, das würde nicht in jeder Gesellschaftsordnung gelingen. Das ist aber damals gelungen.



Unsere Partei ist auf verschiedenen Wegen entstanden. Die früheren Eliten wurden von der Union nicht akzeptiert. Sie wurden nicht akzeptiert von der SPD. Diese führte Bewährungszeiten für ehemalige SED-Mitglieder ein. Sie wurden nicht akzeptiert durch die FDP und schon gar nicht durch die Grünen. Hier kam eine Aufgabe auf uns zu, dass wir bestimmte Interessen zu vertreten hatten, sie zu artikulieren hatten, was nicht immer einfach war. Aber ohne uns hätten viele von diesen Menschen überhaupt keinen Weg in die Einheit gefunden. Es war nicht leicht für sie, einen Platz zu finden, aber mit unserer Hilfe, weil wir ihre Interessen artikuliert haben, kamen sie mit der Situation zurecht. Es gibt ein paar ganz wenige konservative Politiker in Deutschland, die das sogar wissen und die es mir mal ganz heimlich nachts erzählen, wenn kein anderer mithört. Aber es ist die ganze Wahrheit: Wir hatten hier eine ganz schwierige, aber eine eben so wichtige Funktion. Ich möchte mich bei allen, die damals den Mut hatten zu sagen, ich war mal in der mächtigsten Partei, ich bleibe jetzt aber in einer halb ohnmächtigen Partei und ich habe eine wichtige Aufgabe, bei all denen möchte ich mich bedanken.



Was haben wir uns über die Beurteilung von Geschichte, über alles Mögliche gestritten. Wir machten uns Vorwürfe untereinander. Wer sei irgendwie von vorvorgestern übrig geblieben und wer meistere wirklich die Zukunft oder umgekehrt etc. Haben wir mal darüber nachgedacht, dass wir in der schwierigsten Situation uns alle entschieden haben, Sozialistinnen und Sozialisten zu bleiben. Das müssen wir doch erst einmal gegenseitig akzeptieren, bevor wir Vorwürfe gegeneinander formulieren. Das erwarte ich auch heute von uns.



Im Januar 1990 saßen wir im Vorstand und stellten fest, dass ein Marxismus-Leninismus-Professor in Sachsen die Republikaner gründete, ein MfS-Offizier in einem anderen Landesteil, ein NVA-Offizier in einem dritten Landesteil, und da hatten wir die Frage zu beantworten: Kümmern wir uns um solche Leute, vertreten wir ihre Renteninteressen und andere oder lassen wir das so wie die anderen bleiben. Da habe ich damals gesagt: Wenn wir einen wirksamen Beitrag gegen Rechtsextremismus leisten wollen, müssen wir uns dieser herumstreunenden Eliten annehmen, müssen wir deren soziale Interessen vertreten, sonst können wir den Prozess gar nicht beherrschen. Ich sage, es ist das Verdienst unserer Partei, dass der Rechtsextremismus nicht stärker geworden ist. Auch das muss man heute ganz klar anerkennen.



Dann hatten wir damals eine Aufgabe, die auch viele vergessen haben, den ganzen Apparat der Partei abzubauen. Ich war ja wie erschlagen, als ich hier Vorsitzender wurde. Ich hatte 44.000 Angestellte, und zwar nur im direkten Sinne. Die ganzen Parteibetriebe kamen da noch hinzu. Wir haben sie auf 75 reduziert. Ich glaube, es gibt kaum jemanden, der so vielen gekündigt hat wie ich. Das muss ich selbstkritisch einräumen. Wir haben sozial abgefedert das politisch Notwendige getan, ohne dass es diesbezüglich Skandale gegeben hatte. Das war aber nicht ganz leicht. Da haben sehr viele daran mitgewirkt. Wir haben versucht, ihnen auch eine Chance auf Zukunft zu geben, so schwer es auch in der damaligen Zeit war.



Dann hatten wir Jahre mit der Aufarbeitung der Geschichte zu tun. Ich weiß auch, wie unterschiedlich das ablief. Ich weiß auch, dass wir gute Kongresse gemacht haben. Da gab es keine Medienberichte. Dann weiß ich natürlich, dass Kongresse auch danebengingen. Da gab es dann viele Medienberichte. Und immer wie die Stimmung im Osten sich veränderte, so veränderte sich auch bei uns die Aufarbeitung. Machen wir uns nichts vor: Wenn die Leute vor allem darüber reden, dass sie früher eine Arbeit hatten und heute nicht, dann bestätigt uns das ja auch ein bisschen. Da muss man höllisch aufpassen. Wir müssen als Partei immer ein bisschen klüger sein als der Zeitgeist - weder so lang noch so lang. Aber wie hart war das, welche Auseinandersetzungen haben wir diesbezüglich geführt. Und es gibt zwei Parteien, von denen ich mir wirklich hinsichtlich der Aufarbeitung der Geschichte nicht ein einziges Wort vorhalten lasse: Das eine ist die Union und das andere ist die FDP. Beide haben je zwei DDR-Parteien übernommen und nicht einmal eine halbe Stunde Aufarbeitung der Geschichte betrieben, was wir jahrelang gemacht haben und da will ich an viel schlimmere Kapitel der Geschichte gar nicht denken.



Die Aufarbeitung der Geschichte war für uns nicht leicht. Es gab in der DDR Unrecht. Es gab Verfolgung. Es gab einen ungeheuren Mangel an Freiheit und Demokratie. Das ist alles wahr. Das haben wir alles aufgearbeitet. Es gab aber auch durchaus beachtliche soziale und kulturelle Leistungen. Ich verstehe gar nicht, warum man bei Geschichtsaufarbeitung nicht differenzieren darf, warum man nicht beides sagen kann, weil beides wahr ist. Wir müssen lernen, differenziert zu beiden Wahrheiten zu stehen. Ohne uns hätte es keine Adresse für Geschichte gegeben. Wir waren sie. Das war auch nicht leicht, sich dafür zu entscheiden. Dafür erntet man viel Prügel, völlig unabhängig davon, was man individuell damit zu tun hat oder nicht. Ich danke euch allen, dass ihr das durchgehalten habt.



Welche Schlussfolgerungen haben wir aus der Aufarbeitung der Geschichte gezogen? Wir haben zwei Dinge gesagt: Das eine war leichter, das andere etwas schwieriger. Wir haben gesagt, für uns kommen autoritäre diktatorische Strukturen für irgendeine Gesellschaftsordnung nie wieder infrage. Wir verlangen immer eine demokratische Struktur. Der zweite Punkt: Wir haben gesagt, aber der Kapitalismus kann nicht die letzte Antwort der Geschichte sein. Wir bleiben Sozialistinnen und Sozialisten, weil wir in die Zukunft schauen. Und wenn wir heute nur die Ökologie nehmen: Eine Wirtschaft, die nur Wachstum kennt, kann sie nicht beherrschen, und deshalb brauchen wir insofern einen Systemwechsel, da hat Lothar recht.

Aber was sollte nun aus uns werden? Irgendwann war die deutsche Einheit hergestellt. Eine Vereinigung gab es nicht - darüber habe ich schon vor zwei Parteitagen geredet und wiederhole es daher heute nicht -, dass den Menschen im Westen ja nicht das Erlebnis gegönnt wurde, dass sich in einem Punkt die Lebensqualität erhöhte, in dem man Erfahrungen aus dem Osten dorthin übertrug. Das haben die Regierenden nicht gemacht. Damit haben wir es noch heute zutun. Aber nun entwickelten wir uns. Wir wurden selbstbewusster. Es ging auch gar nicht mehr nur um die Eliten. Es ging um die Situation der Ostdeutschen schlechthin. In dieser Zeit wurden wir Schritt für Schritt eine ostdeutsche Partei. Ich habe etwas darunter gelitten, weil ich so gerne wollte, dass wir auch in Schleswig-Holstein und Bayern akzeptiert werden. Im Nachhinein sage ich, es war vielleicht nötig. Es musste auch eine ostdeutsche Partei geben, denn hätte es sie nicht gegeben, wäre es in keiner Partei möglich gewesen, direkt ostdeutsche Interessen zu artikulieren. Ich glaube, in einer Zwischenphase war das wichtig, was wir gemacht haben. Es hat das Selbstbewusstsein vieler Ostdeutscher gestärkt, dass es uns gab. Aufgrund der begrenzten Zeit kann ich das gar nicht alles erzählen. Aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich in bestimmten Gegenden des Ostens behandelt wurde und wann sich das wie geändert hat. Das hatte etwas mit dem Gefühl zu tun, dass sie plötzlich sagten, dass ist ja einer von uns und an sich tritt der ja gar nicht so schlecht auf, der kann ja mithalten. Versteht ihr, das Selbstbewusstsein war gestört. Es war wichtig, es wieder aufzubauen. Und es bleibt übrigens für uns wichtig, mit Selbstbewusstsein auch die neuen Schritte zu begehen! Nie wieder lassen wir den Kopf hängen! Nicht die Arme hoch, sondern den Kopf - das war schon ein richtiger Spruch. Dabei muss es auch bleiben!



Und was mir wichtig ist: Zu keinem Zeitpunkt haben wir das einseitig gemacht. Ich nenne ein Beispiel, weil wir aktuell jetzt wieder damit zu tun hatten. Wir waren immer dafür, schon in der Volkskammer, dass diejenigen, denen in der DDR Unrecht geschehen ist, eine anständige Opferrente bekommen. Wir haben gesagt: Wenn jemand nicht die Entwicklung nehmen konnte, die ihm eigentlich zugestanden hätte, weil er zu Unrecht daran gehindert wurde, dann hat er einen Anspruch auf Schadenersatz. Man muss ihn so stellen, als ob er die andere Entwicklung hätte nehmen können mit Rente etc. Aber die zweite Seite haben wir nie geteilt. Wir haben nie gesagt, daraus ergibt sich, dass wir den früheren Staatsnahen die Rente kürzen müssen! Wir erledigen doch nicht ein Unrecht und schaffen ein neues, sondern wir wollen, dass der eine Schadenersatz in Form einer Rente bekommt und der andere natürlich die Rente, die er sich erarbeitet hat. Das war immer unser Standpunkt. Was ist daran eigentlich falsch? Ich finde das glaubwürdig und moralisch richtig.



Nur durch unsere Partei wurde die Benachteiligung Ostdeutscher immer wieder artikuliert und wurde auch die Forderung nach Gleichstellung artikuliert. Dieses Thema haben wir besetzt. Und wir wurden in den Medien auch mit einem zweiten Thema wahrgenommen - mit dem Friedensthema. Das hängt mit dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien und mit anderen Fällen zusammen.



Aber dann kam unsere Schwäche, Genossinnen und Genossen, dass wir eben doch nur als ostdeutsche Partei mit diesen zwei Themen wahrgenommen wurden. Wir konnten uns ja zu Steuergerechtigkeit, zu Arbeitsmarktpolitik, zu Wirtschaftsfragen äußern, wie wir wollten, es nahm keine Zeitung zur Kenntnis. Nicht einmal das ND, geschweige denn andere. Darunter haben wir auch immer ein bisschen gelitten. Und deshalb sage ich euch: Diese Art der ostdeutschen Interessenvertretung als Hauptproblem war eine historisch begrenzte Aufgabe. Es war ein wichtiges Zwischenstadium. Und wir sollten es begrüßen, dass wir jetzt die Chance haben, zu einer bundesweiten Linkskraft zu werden für ganz Deutschland. Das hätte sich doch von uns 1990 gar keiner träumen lassen!



Aber psychologisch ist auch klar - wir haben es uns dann irgendwann ein bisschen gemütlich gemacht. Ja, es ist nun einmal so. Da kennt man dann alle, man sieht sich auf den Parteitagen immer wieder, man ärgert sich über dieselben, man freut sich über dieselben. Es ist auch eine Enge da und du kommst nicht raus. Und da richtet man sich darauf ein. Das kann ich ja alles verstehen. Aber jetzt müssen wir raus. Es tut ein bisschen weh, aber es ist auch dringend notwendig, denn wir wollen doch Gesellschaft verändern. Dafür sind wir doch in eine Partei eingetreten und dafür haben wir jetzt viel bessere Möglichkeiten! Der Sprung nach ganz Deutschland ist uns allein nicht gelungen. Und deshalb sage ich, müssen wir besonders dankbar jenen aus den alten Bundesländern sein, die trotzdem bei uns Mitglied werden, weil das ein mutiger Schritt von ihnen war. Das müssen wir in hohem Maße akzeptieren.



Aber, liebe Genossinnen und Genossen, die Bundesrepublik Deutschland ist ein europäischer Sonderfall. In keinem anderen Land herrschte ein so militanter Antikommunismus. In keinem anderen Land war es so, dass eine Partei links von der Sozialdemokratie nach 1949 keine Chance hatte, in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde zu kommen. Ich weiß, dass es Kräfte gab. Aber die gesellschaftliche Akzeptanz blieb immer gering. Und dann kamen wir. Aber wir kamen ja ursprünglich aus der DDR. Ich bitte euch, nicht zu vergessen, für die meisten Westdeutschen war die DDR fremder als Frankreich, Großbritannien und andere Länder. Wir waren so eine Art westpolnische Partei. Die wird nicht so leicht in Bayern gewählt. Das sind Sprünge, die man kulturell nicht hinkriegt. Und da habe ich auch irgendwann die Hoffnung aufgegeben, das gebe ich zu. Wir hätten immer rumgekrepelt um unsere 5 Prozent.



Aber nun ist etwas passiert, und zwar weil die Leute wenigstens den rheinischen Kapitalismus wollten, nicht den von Manchester. Weil sie wenigstens den Sozialstaatskompromiss wollten. Und plötzlich kam Schröder. Er wurde gewählt, um diesen Sozialstaatskompromiss zu retten. Und dann hat er ihn in einer Art und Weise antisozialdemokratisch aufgekündigt, dass es endlich Zeit wurde, eine Partei links von der Sozialdemokratie auch in den alten Bundesländern zu gründen! Mit der Agenda 2010 hat die SPD den Bruch vollzogen. Sie hat gesagt, sie steht dafür, Steuergeschenke an die Konzerne zu machen, Steuergeschenke an die Vermögenden zu machen, Steuergeschenke an die Bestverdienenden zu machen. Sie steht auch für völkerrechtswidrige Kriege. Und gleichzeitig dreht sie sich um und teilt den Rentnerinnen und Rentnern, den Arbeitslosen und den Kranken mit, dass für sie leider kein Geld da sei. Die einzige Industriegesellschaft, in der in den letzten 10 Jahren der Reallohn um 5 Prozent zurückgegangen ist, das ist Deutschland - unter der Verantwortung der Sozialdemokratie. Und deshalb haben wir die WASG! Und deshalb haben wir plötzlich in der alten Bundesrepublik eine Kapitalismuskritik, wie sie die nie kannte nach 1949. Das wird aber auch Zeit!



Ich möchte euch gerne noch sagen, was wir mitbringen in diese neue Partei. Es ist gar nicht wenig. Es sind völlig vernünftige Vorstellungen, alle auf der Grundlage des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu erklärende Forderungen eines demokratischen Sozialismus mit dem Primat der Politik und einer entsprechenden Bedeutung der Demokratie, mit der Forderung, alle Schlüsselbereiche der Wirtschaft in die öffentliche Hand zu geben, genauso wie die öffentliche Daseinsvorsorge. Unterhalb dessen wollen wir eine faire Marktwirtschaft. Wir haben gelernt: Wir wollen nicht die Staatsbäckerei. Aber wir wollen auch keine private Rüstung, wir wollen, dass es aufhört, dass man an Rüstung verdient! Und wir wollen die politische Verantwortung für Energie und für andere wichtige Bereiche! Und wir fordern gleiche Bildungs- und Kulturchancen für alle. Und wir fordern eine ökologische Nachhaltigkeit nicht wie die Grünen in sozialer Ausgrenzung, sondern in sozialer Gerechtigkeit. Und wir wollen keine reine Wachstumsgesellschaft, wir wollen wirklich ökologische Nachhaltigkeit - detaillierter kann ich darauf jetzt aus Zeitgründen nicht eingehen. Und wir wollen für jeden die Möglichkeit zu einer Erwerbsarbeit in Würde, die ihm auch ein Leben in Würde ermöglicht.



Was ist denn so schlimm an den Forderungen, die wir stellen? Wir fordern auch ein Höchstmaß an Bürgerinnen- und Bürgerrechten, damit an Freiheit, weil wir die Einheit von Freiheit und sozialer Sicherheit, die Einheit von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit fordern. Das ist auch etwas, was wir aus der Geschichte gelernt haben. Und ich füge hinzu: Wir wollen alle internationalen Probleme lösen. Aber friedlich! Wir glauben nicht an das Lösungsmittel Krieg! Wir wissen, dass Krieg keine Probleme löst, sondern nur neue Probleme schafft. Und deshalb: Alles, was wir fordern, auch an sozialer Wohlfahrt, fordern wir nicht nur national, sondern international. Das ist auch das Besondere an unserer Partei!



Heute soll Westerwelle gesagt haben: Freiheit oder Sozialismus. Alles Quatsch, Guido Westerwelle. Freiheit und Sozialismus - das ist die Antwort!



Und jetzt sage ich euch: Es gibt Hoffnungen! Wir sehen die Entwicklungen in Lateinamerika. Ich habe 1990 gesagt, die neu Linke kommt aus Lateinamerika. Ich bin aber nicht so genial. Ich dachte, die kommt gleich. Es hat 17 Jahre gedauert, aber jetzt kommt sie. Immerhin überwinden die Menschen doch ihre Abhängigkeit von den USA und die grobe soziale Ungerechtigkeit. Armut und Elend werden endlich bekämpft!



Auch in Deutschland erleben wir Veränderungen. DIE LINKE hat Akzeptanz. Die Medien berichten anders über uns. 4,9 Prozent bei der Bundestagswahl 2005 im Westen und 25 Prozent im Osten. Wer von uns hätte denn im Dezember 1989 daran geglaubt! Nun lasst uns doch ein bisschen stolz sein, auf das, was wir in Deutschland erreicht haben!



Ich weiß, beide Parteien unterscheiden sich. Wir sind inzwischen ziemlich seriös, aber auch einen Stich müde. Die andere Partei ist jung, nervös, ein bisschen hibbelig. Das habe ich mir in Dortmund angesehen. Wenn wir das zusammenpacken, kann es vernünftig werden. Wir werden wieder lebendiger, und die anderen bekommen einen Schuss Seriosität. Das ist doch eine Mischung, die wir hinbekommen.



Ich weiß, wir haben heute alle ein weinendes und ein lachendes Auge. Ich verstehe auch das weinende Auge. Ich verstehe, dass wir ein bisschen Gemütlichkeit verlieren. Aber ich sage euch: Jetzt müssen wir das weinende Auge schließen und müssen mit dem lachenden Auge in den morgigen Tag und in die Zeit danach gehen. Lasst uns Aufschwung ausstrahlen! Das kommt nicht von alleine. Ihr müsst das auch ein bisschen in den Gesichtern tragen. Ihr müsst etwas freundlicher schauen und wissen, dass es jetzt vorangeht.



Ich bitte euch mir meine Leidenschaft zu verzeihen und lasst uns gemeinschaftlich leidenschaftlicher werden! Wisst ihr was: Wir werden wichtiger. Na und!

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