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Die Parteitage der Linkspartei.PDS
08. und 09. sowie 16. und 17. Dezember 1989

Unsere Kombinate und Betriebe sind längst planmäßig potentielle Brückenköpfe der anderen Gesellschaftsformation geworden

Rudolf Bahro in der Diskussion des Parteitages

Wolfgang Berghofer: Vielen Dank. Nun zu dem Antrag. Ich gehe davon aus, daß er schriftlich formuliert, mit 35 Unterschriften, in wenigen Augenblicken hier liegt, so daß die Geschäftsordnung eingehalten ist. Es haben 1.427 Delegierte, sprich 53,95 Prozent, dafür gestimmt, daß Rudolf Bahro dreißig Minuten spricht. (Beifall)


Er hat das Wort. Ich schlage vor: Wir machen dann anschließend Pause. Einverstanden?


Rudolf Bahro: Ich verstehe gut die Gespaltenheit des Parteitages zu dieser Frage. Schließlich habt ihr heute früh erst gehört, daß es um mich ganz anders bestellt sein soll. Mehr könnt ihr im Augenblick auch gar nicht denken, als das die letzten Jahre hier gedacht worden ist.


Ich will sagen: Der Schlußteil meines damaligen Buches, die letzten 200 und mehr Seiten haben die Überschrift gehabt: "Zur Strategie einer kommunistischen Alternative". Da das Ganze, das ich jetzt hier vortragen wollte, ursprünglich ja sicher veröffentlicht werden wird - ganz -, will ich jetzt nur eine Pflicht einleitend erfüllen und dann zum Thema kommen.


Die Pflicht besteht darin, daß ich dankbar jene Menschen nenne, die bei der Alternative mit mir waren - auch Parteilose -, fast alle so oder so Kommunisten, darunter antifaschistische Widerstandskämpfer, manche heute nicht mehr unter den Lebenden. Auch das jedenfalls war SED. Auch ich war SED im Guten wie im Bösen, Kandidat seit 52, Mitglied seit 54. Ich bin mit verantwortlich für ihren ganzen Weg bis jetzt, bis heute. (Beifall)


Auch mich hat dieses Wort noch getroffen - drüben dann: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.


Ich wollte etwas ausführen zu all den Namen - das wird man lesen können -, nennen muß ich diese Namen: Ursula Beneke, Werner Busold, Werner Naujock, Rudi Wetzel, Marianne und Dieter Lorf, Fritz Behrens, Harry Goldschmidt, Volker Braun, Walter Besenbruch, Werner Tzschoppe, Rosemarie Zeplin, Ingrid und Günter Mayer, Guntolf Herzberg. An der Qualität meiner Alternative hat durch seine skeptische Kritik entscheidenden Anteil Wolfgang Heise gehabt. Meine damalige Frau, Gundula Bahro, hat das mitgetragen, obwohl sie in der Sache eigentlich nicht einverstanden war. Während der Haftzeit ist Gregor Gysi mein Anwalt gewesen. Untadelig hat er voll seinen nur zu begrenzten Spielraum zu meiner Verteidigung ausgeschöpft.


Zurufe: Zur Sache!


Ja, zur Sache. Was jetzt die Sache betrifft, da bitte ich euch, euch doch so zu meiner Meinung zu stellen, daß es vielleicht ohne Beifall und ohne Pfeifen geht. Es ist einfach ein Denkstück, das ich euch vortrage, hinter dem aber eine ganze Menge theoretischer Arbeit steht.


Ich will mich, weil das jetzt die wichtigste Adresse für die Handhabung dieser Sachen erst einmal ist, an Hans Modrow wenden und an seine Rede vor Generaldirektoren anknüpfen, die am vergangenen Montag in der Zeitung stand.


Zunächst eine methodische Vorbemerkung, um Mißverständnisse zu vermeiden. Ich denke zum Beispiel kritisch über folgende Passage, ich zitiere: "Auf keinen Fall dürfen wir auf den Märkten erkämpfte Positionen verlorengeben. Die bestehenden außenwirtschaftlichen Verflechtungen müssen im Gegenteil gefestigt und, wo nötig, auch ausgebaut werden."


Wenn ich das kritisiere, meine ich selbstverständlich nicht die Umkehrung, nicht willkürliches oder fahrlässiges Aufgeben wichtiger Möglichkeiten. Überhaupt bin ich völlig einverstanden mit der Einstellung, der Bruch mit dem Status quo müsse einerseits radikal sein, andererseits nicht so abrupt, daß es in ein wirtschaftliches Chaos führt. Jedoch frage ich nach der Einordnung so einer Äußerung über die Kontinuität in der Außenwirtschaft vor Generaldirektoren, die nur im Notfall für Versorgungsengpässe im Binnenhandel usw. kritisiert wurden, jedoch viel öfter für Rückstände bei der Valutabeschaffung.


Ich denke, ich bin hier schon bei dem entscheidenden Kettenglied in dem jahrzehntelang bewährten Teufelskreis, in dem wir unsere Wirtschaft zu Grunde richten, daß wir nämlich unsere Wirtschaft de facto von der Devisenbeschaffung für das ökonomische Wettrüsten mit dem stets überlegenen Klassenfeind, statt von den Bedürfnissen der Bevölkerung steuern lassen. Unten dasselbe: die Westmark herrscht - das ist die natürliche Folge.


Unsere Planung ist hauptsächlich eine Transmission der auf dem Weltmarkt herrschenden Gesetze. Das Problem wird sich multiplizieren, wenn jetzt die konzernanalogen Kombinate zu Schleusen natürlich für die größten Schlachtschiffe der anderen Seite werden. Wissen die Führungskräfte unserer Industrie, daß sie bald nur noch bessere Filialleiter sein werden, später dann auf Abruf?


Hans Modrow endet - seinen Vortrag meine ich -, unsere Wirtschaftsentwicklung müsse sozial und ökologisch verträglich sein. Aber das ist wider die Natur der Kräfte, die da hereindringen, oder wir dürfen nicht näher nachfragen, was sozial und ökologisch da meint.


Ich glaube, er durchschaut das nicht ganz. Wir wissen überhaupt nicht, was wir tun. Ein Joint-venture in fünf Milliarden Höhe, wie ich gelesen habe, wie es bei IFA gemeint sein soll, bedeutet, erst recht bei der gegenwärtigen Lage und strategischen Resignation, Bewußtlosigkeit unserer Möglichkeiten in jeglicher rechtlicher Form, die wir finden können - die Juristen sind ja da an der Arbeit -, aber in jeglicher Form den Verlust der politischen und kulturellen Verfügungsmacht der Gesellschaft. Es bedeutet einfach ein Stück kapitalistischer Gesellschaft. Die IG Metall hat Recht, schon bei unseren Belegschaften anzuklopfen, um es auch von der anderen Seite, vom Faktor Arbeit her, perfekt zu machen. Natürlich, wir brauchen dann die entsprechende Gegenstrategie im Kapitalismus von den Arbeitern her.


Man kann das mit Hans Modrow auch "tiefere Integration in internationale Arbeitsteilung" nennen.


Ich denke, unsere stärksten, größten, unbeweglichsten Bastionen der Arbeiterklasse, wie wir diese Dinger halt nennen, die Kombinate und Betriebe, die immer vollständiger die sozialökonomisch unschlagbare Konkurrenz da drüben zweit- und drittklassig abbilden, sind längst planmäßig potentielle Brückenköpfe der anderen Gesellschaftsformation geworden. Jetzt soll die Besetzung folgen. Halbe/halbe ist bei der Dynamik und Entwicklungsrichtung des Prozesses reine Augenauswischerei.


Es liegt in der Logik aller dieser Vorgänge, daß unsere Gesellschaft Gebiet um Gebiet ihre Souveränität aus der Hand gibt. Es läuft darauf hinaus, daß diese vielzitierte Vertragsgemeinschaft selbst ein einziges Joint-venture wird. Es waren immer diese Renommierprojekte des ökonomischen Wettbewerbs mit dem Klassenfeind, in den er uns vom Militärischen bis ins Kulturelle immer tiefer hineinlockt, auf die es nicht erst bei Mittag immer und immer wieder hinausgelaufen ist, weil das unser Akkumulationsweg war - einholen und überholen.


Und deswegen haben wir keine Arbeitskraft, keine Zeit, kein Material, kein Geld, keine Eigeninitiative, keine Lust zur Pflege unseres Wohnhauses, unseres Häuschens DDR mehr. Dieser Akkumulationszweck, am internationalen Klassenkampf, den wir aber auf der Ebene verloren haben, festgemacht, erweist sich je länger je mehr als ein Spielfeld der anderen Seite. Es ist okkupiertes Gebiet in unserem eigenem Bewußtsein. Es herrschen dort jene Gesetze, derentwegen einmal gesagt worden ist, es sei das "Kapital" von Marx die Bibel der Kapitalisten.


Schalck-Golodkowski in seinen letzten Auftritten in unserem Fernsehen war der berufene Priester dieser Gesetze, ihrer Unentrinnbarkeit.


Die tiefste Schicht dieser welthistorischen Korruption, der wir verfallen sind, ist unser ökonomischer Materialismus, unser prinzipieller Ökonomismus, an dem Marx selbst trotz mancher gegenteiligen Aussage nicht ganz unschuldig ist. Dieser Materialismus ist Anbetung der Trägheitskräfte in der Geschichte, Anbetung der entfremdeten Mächte des toten Geistes Wissenschaft und Technik und toter Arbeit Kapital - wir sagen Fonds -, und es ist auch die Anbetung der an die Maschinerie versklavten Arbeitskraft, die tiefste Schicht - das ist dieser ökonomische Materialismus. Auch wenn wir immer wieder die Erfahrung der Fehlinvestition und des mangelnden Rückflusses, gerade der großen Wettlaufs- oder vielmehr Aufholinvestitionen machen, es steht wieder viel davon drin, daß wir da verlieren, auch Hans Modrow will das Hase-und-Igel-Spiel fortsetzen, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muß.


Zuruf: Konkret.


Dazu komme ich, ich komme zu Vorschlägen. Erst muß die Analyse sein. Wenn ihr das nicht fassen wollt, erst einmal, was wir hier machen, da ihr keine Geduld habt, zuzuhören, dann wird auch die Alternative nix. (Beifall)


Er sagt vor den Generaldirektoren, daß wir um die Devisen und Kapazitäten für dieses aussichtslose Turnierbild immer wieder unseren - das ist jetzt, ich zitiere ihn, er beschreibt das -, daß wir deswegen immer wieder unseren Binnenmarkt, die Versorgung der Bevölkerung stören. Mit den für den Weltmarkt bestimmten Finalprodukten ist es ebenso. Es ist alles total falsch herum aufgebaut, nicht, daß die eine Seite wegfallen kann, es dreht sich falsch herum, meine ich, von den Weltmarktbedingungen her. Sonst machen das in den Entwicklungsländern die großen Konzerne von außen, wir machen es von innen. Vom Weltmarkt her setzen wir unserer Wirtschaft Spitzen auf, die dann von dem übrigen Schrotthaufen gar nicht getragen und integriert werden können.


Genauso steht das Verhältnis zwischen Zulieferindustrie und Finalproduktion grundsätzlich Kopf. Wir glauben beinahe selbst, daß die Mangelwirtschaft ein ökonomisches Gesetz des Sozialismus ist. Dabei haben wir nur bis heute in unseren Köpfen die Bedingung nicht erfüllt, die entscheidend für die Sanierung unserer Wirtschaft von unten nach oben wäre, einzusehen, daß der Kampf der Systeme in dieser Lesart ein für allemal verloren ist. Diese Lage könnte auch einen Freudenschrei auslösen, einer der jetzt so häufigen Befreiungsschläge für unser Leben sein. Sie, die anderen, wollen uns doch in diesem Wettlauf festhalten, ehe Gorbatschow das Spiel Parität im Militärischen aufgab, hat ihm Reagan noch vorgeschlagen, Know-how für die sowjetische Hälfte von SDI zu liefern, damit sie auch ja dabei bleiben, damit das auch ja geht mit dem Totrüsten. Und wirtschaftlich ist das nicht wesentlich anders. Unsere ganze Akkumulationsideologie, natürlich muß Akkumulation sein, aber wie wir das gesehen haben, hinkt doch am Wettrüsten seit den ersten Schwerindustrieplänen in den zwanziger Jahren - damals hatte das Sinn, jedenfalls man sah es so, aber heute, wo wir sehen, das ist verloren, wozu jetzt noch 8., 9. oder 10. Industriemacht meinen - während der Industrialismus weltweit zum Himmel stinkt, und er stinkt nicht für Bedürfnisbefriedigung, sondern für Geldvermehrung, so daß es für die Erde zehnmal teurer wird, als es nötig wäre.


Das qualifiziertere Stinken von Höchst und BASF ist langfristig noch gefährlicher als das offenbare, unqualifizierte in Leuna, Buna, Zeitz, Espenhain. Falls Paracelsus recht hat - die Dosis macht das Gift, war seine Formel -, dann sind Zehntausende Tonnen aus irgendeiner umwelttechnisch sanierten Produktion in der Regel auch noch Gift, das z. B. auf den Feldern landet. Das gerade macht die westlichen Chemieriesen immer unbeliebter. Die Emissionen der Fabriken sind das Phänomen, die Grundlast aber - da wiederhole ich mich - ist das Problem, die Grundlast des Industriesystems, zehnmal zu schwer für die Erde. Der sogenannte Umweltschutz, der oben drauf kommt auf die industrielle Expansion, noch ein Stockwerk, kaschiert das tödliche Modell, mit dem die Menschheit arbeitet, seit der das Kapital richtig durchsieht. Wenn wir da auch nur annähernd mitziehen wollen beim Umweltschutz, brauchen wir die andere Hälfte zu der, die für die Schulden schon sowieso draufgeht.


Neulich hat mir ein Ingenieur aus der Espenhainer Gegend erzählt, sie hätten da für irgend etwas Elektronisches - ich glaube Leiterplatten - 70 Prozent in den Umweltschutz gesteckt. Er war perplex, als ich entgegnete, das widerlege wahrscheinlich die Investition als solche.


Hans Modrow sagt den Generaldirektoren, wir wollen all das weiter machen, was wir da bisher im Kampf mit den anderen geliefert haben, und unser Häuschen in Ordnung bringen. Das kann nichts werden, so nicht. Leider nährt die Entartung unseres politischen Systems hier, die eher die Folge ist, die Illusion, wir hätten nur erneut anzutreten ohne die Deformationen, und dann geht das gut - eine Illusion ohnegleichen.


Nein, man braucht nicht den Günter Mittag, um zu verstehen, warum wir nach Modrows Erklärung genau diejenigen Zweige am meisten zugrunde gerichtet haben, von denen direkt das alltägliche Leben des Volkes abhängt: Bauwesen, Landwirtschaft, Verkehrswesen, Post- und Fernmeldewesen. Das Stichwort "Kommandowirtschaft" lenkt davon ab, die einfache Ursache zu sehen. Drückt es am Ende gar hauptsächlich das Interesse der vielen kleinen Mittags aus, nun autonomer, der lästigen Kontrolle ledig, auf eigene Rechnung dasselbe Geschäft wie er zu betreiben? Im Prinzip, ich meine nicht die Unterscheidung.


Zuruf: Vorschläge!


Nichts in Hans Modrows Rede, in ihrer Denkweise verspricht, daß die Vernachlässigung von Grund auf aufhört, notfalls, statt glücklich über den anderen Anfang, wird er halt Akkumulation opfern, damit der Putz wieder dran kommt. Er wird davon opfern mit schlechtem Gewissen, wenn ihm Lothar Späth wieder von den Imperativen des Weltmarkts erzählt. Späth hat für seine Wende in die Zukunft für den nicht ganz so aussichtslosen Kampf Mercedes gegen Mitsubishi alle unsere Parteibeschlüsse seit den sechziger Jahren abgeschrieben, der Späth, und jetzt gucken sie uns von dort wieder ins Gesicht. (Unmutsäußerungen)


Nein, ihr müßt es erst verstehen! (Heiterkeit)


Also, die dreißig Minuten, die laßt mal mir! Warum hat auch Michail Gorbatschow für das Ökonomische aus der Not keine Tugend gemacht? Warum hat er für die Ökonomie die Parität nicht auch verabschiedet wie für das Militär?


Wolfgang Berghofer: Genossen, Entschuldigung, darf ich mal eine Bitte äußern? Es bewegt uns jetzt vieles, dafür und dagegen. Wollen wir zeigen, daß wir auch zuhören können, wenn wir anderer Meinung sind! (Beifall)


Rudolf Bahro: Moskau macht einstweilen noch eine Wirtschaftspolitik weiter, bei der ein Boris Jelzin, wenn er vor Amerika auf dem Bauche liegt, keineswegs aus dem Rahmen fällt, was die Wertmuster betrifft. Warum verbindet sich Gorbatschow mit Abalkin statt mit dem Ökologen Rasputin? (Meine "Logik der Rettung" liegt auf der Achse Gorbatschow-Rasputin, und die Richtung Rasputin hat das übrigens auch erkannt. Die "Logik der Rettung" wird dort schon rezipiert.) Ich glaube, die Antwort liegt in Michail Gorbatschows Abhängigkeit von dem Komplex, der bei uns der westlichen Hydra - ich meine jetzt strukturell - von Wissenschaft, Technik, Kapital und Staat spiegelbildlich entspricht, aber soziologisch anders gebaut ist. Die Antwort liegt in dem Titel eines Buches, das György Konrad und Istvan Szeleniy, zwei Ungarn sind das, gleichzeitig mit meiner "Alternative" veröffentlichten und das "Die Intelligenz als Klassenmacht" heißt. Der Bau Megamaschine, materiell und geistig, bis in die Volksbildungsplanung hinein, ist das Selbstbestätigungsobjekt der Intelligenzija. "Strukturbestimmende Spuren" wollen wir ziehen, hat es Benito Wogatzki früher mal gefeiert, unser Engagement "armed race", ökonomisch.


Klar, das ist allzu menschlich. Jetzt wollen es die Wissenschaftler, Techniker, Ingenieure, Ökonomen, die besten Arbeiter mit ihnen, noch einmal beweisen, daß wir nicht schlechter sind. Aber mit dem Kapitalismus ist zu dessen ökonomischen und kulturellen Bedingungen, die die Welt regieren, wo immer die den Fuß in der Tür haben, nur Kapitalismus konkurrenzfähig. Eine sozialistische Autofabrik wird nie darüber hinaus kommen, ausländische Modelle zu produzieren.


Edzard Reuter von Daimler-Benz mag VW neidisch im Blick gehabt haben, als er meinte, wir sollten doch gleich Mercedes fahren. Er erinnert sehr an Marie Antoinette, als sie den Brotlosen empfahl, doch Kuchen zu essen. Dennoch könnte er recht haben, daß wir - wenn es denn sein muß - besser fahren, wenn wir Wagen, Gebrauchtwagen importieren.


Fünf Milliarden West[-Mark] sind allein schon mindestens 200.000 solche Karren, einschließlich Service. Die Dänen sind ein kleines reiches Volk, meines Wissens, und sie bauen keine Autos. Zunächst jedenfalls versteht es sich nur im Rahmen der bisherigen Strategie des ökonomischen Wettbewerbs von selbst, daß wir IFA ausliefern. Es kann am Ende eines verlorenen Krieges billiger sein, die Schiffe zu versenken, insbesondere dann, wenn man noch Rettungsboote für die Mannschaft bauen kann. Und das ist möglich.


Ich meine damit jetzt folgendes, politisch gesehen: Das Volk sieht erst mal richtig, daß die ganze Intelligenz bei uns in dieses Projekt verstrickt ist, solange wir nicht aufhören, es für diese - in unserem Falle dann auch noch ergebnislose - Jagd de facto auszubeuten. Unsere Wichtigkeit jetzt psychologisch in der technokratisch-kommerziellen Olympiade ist schuld daran, daß wir seit Jahrzehnten das Mehrprodukt durch den Schornstein jagen. Wir sind um dieser gruppenegoistischen Sisyphusarbeit willen, daß sie unsere Selbstdarstellung drüben auch gelten lassen, sozusagen Agenten der Kapitaldynamik wider Willen. Wir sind umgedreht worden, innerlich wie faktisch.


Das Volk könnte tatsächlich nur gewinnen, wenn es unsere ökonomischen und juristischen Akademien und Fakultäten zumachte, falls da demnächst nicht was anderes rauskommt. Es hat absolut Recht, uns nicht weitere 40 Jahre experimentieren lassen zu wollen, es sei denn, wir gingen in uns und wollten ihm statt uns, statt unseren Projekten dienen. Es will nicht länger Bauer in einem Schach sein, in dem wir ohne Dame und mit verrosteten Türmen Monopoly mitspielen.


Jetzt komme ich zu meiner Alternative. (Bewegung im Saal)


Und sage vorweg: Ich bilde mir mit dieser Alternative nicht ein, daß die jetzt plötzlich akzeptiert werden soll, sondern daß die erst mal reingeht in den Diskussionsprozeß, Klein sagt seins, Modrow sagt seins, ich sage hier was. Und natürlich wird etwas anderes draus werden. Für mich heißt die Alternative also: Weltmarkt oder ökologische Wende - selbstverständlich nicht als abstraktes Entweder-Oder -, sondern auf die Umkehrung der Prioritätensetzung hin. Während das so theoretisch nicht eben gleich durchkommt, stimmt meine Option in der Tendenz mit dem überein, was sowieso unmittelbar getan werden muß: Es geht um die Befriedigung der Grundbedürfnisse und der entsprechenden Nachfrage auf dem Binnenmarkt, und es geht um die sofortige spürbare Verschönerung des Alltagslebens auf den verschiedensten Feldern. Das muß der Ausgangspunkt der Wirtschaftspolitik aber nicht nur jetzt sein als Notmaßnahme, sondern das muß er bleiben. Hören wir doch erst einmal auf, all die schönen Sachen, die wir produzieren, zu exportieren, damit der Erlös dann verpulvert werden kann. Keine Bevölkerungskredite mehr für die alte Art Wirtschaftsführung. Und was den Umweltschutz betrifft, es gibt Produktionen, die gestoppt werden können, jetzt, ohne daß alles zusammenbricht.


Ohne gleich nihilistisch mit dem Plan umzugehen - seine Legitimität ist keineswegs fraglos, nach allem, was wir gesehen haben.


Ihr werdet sagen, wir sitzen so fest, da geht einfach gar nichts mehr. Aber ich denke, das hängt von einer veränderten Gesamtperspektive ab, ob sich nicht doch bis in die Rechnung hinein bestimmte Sachen dann ganz anders darstellen, und ob nicht andere Sachen unter dem neuen Blickwinkel als möglich erscheinen. Da wird sich viel mehr rechnen, als man auf Anhieb denkt, besonders wenn wir mit einer veränderten Reaktion der Partner draußen, auf eine veränderte oder vielmehr auch überhaupt eine eigene Konzeption dann rechnen können. Es gibt in der Bundesrepublik bis hinein in höchste Finanz- und Industriekreise neben der Profitgier doch auch eine gewisse Hoffnung auf Beispiele einer ökologischen Wende hier. Diese Kreise haben wahrhaftig Selbstbewußtsein genug, um nicht gleich alles erdrücken zu wollen, was nach einer anderen als der kapitalistischen Ordnung aussieht. In ihrem Sinne haben die ja gewonnen.


Welche Art Beratung wünschen wir uns denn? Wissen wir es? Wollen wir von uns irgendwohin, oder warten wir darauf, daß sie es uns sagen? Was für Menschen, was für Kapital, welche ausländischen Strukturen ziehen wir besonders an? Und für welche auf andere Art zum gemeinsamen Vorteil gereichenden Zwecke? Es ist eine psychische Deformation unserer Leute, wenn sie mit Schalck-Golodkowski glauben, drüben zähle nur Geld machen.


Angesichts der ökologischen Krise rebelliert in so manchem Unternehmer der Mensch, und man kann halt auf verschiedene Weise Geld machen, sucht auch nicht in jedem Fall gleich den Höchstprofit.


Es gibt zum Beispiel ein ausgedehntes Stiftungswesen. Nur wenn wir nicht wissen, was wir wollen, hat das einströmende Kapital noch nicht einmal die Konzeption nötig, es ist einfach eine Konzeption und arbeitet dann heute direkt oder indirekt spontan in Richtung Weltzerstörung. Das ist uns doch eigentlich klar.


Also das Szenario "Einholen und überholen" ist so klar auf Null, daß wir die Chance haben, es theoretisch ganz zu verabschieden. Daran ist mir gelegen, es theoretisch ganz zu verabschieden und in der Praxis natürlich sukzessiv, aber so schnell wie möglich das Modell auslaufen zu lassen. Es wird sich auch im allgemeinen Konsens vermitteln lassen, wenn es einmal wirklich verstanden worden ist und wenn eine bessere Alternative anläuft. Zuerst sollten wir anstreben, unsern Umsatz außen von gut der Hälfte auf ein Drittel runterzubringen. Gleichzeitig wären alle die Renommierprojekte zu prüfen. In den meisten Fällen wird Abbruch der Investitionen ökonomisch-sozial-kulturell billiger als die Vollendung sein; zuletzt jedenfalls. Unsere ganze Weltmarktproduktion muß neu gesichtet und gelichtet werden. In den zahllosen Fällen, wo Umweltschutz und Arbeitsbedingungen gleich katastrophal sind, wird oft Schließung das Beste sein.


Unterschätzt nicht, was alles nicht mehr ausgegeben und verschleudert werden würde. Ich gebe zu, ich überblicke es nicht im einzelnen, aber der Bericht über die tatsächliche Lage, der andauernd vorgelegt werden soll, wird mir auch kaum helfen, weil er völlig im Status quo befangen sein wird.


Falls denn die BRD einerseits wirklich was an uns gutmachen und andererseits das liebe Vaterland von unserm Dreck verschont wissen möchte - das wäre ein guter Deal: Wir machen viele dieser alten Buden und viele schlimme Produktionen zu und kriegen dafür bis auf weiteres die wirklich - manchmal auch nur noch - notwendigen Dinge rein. Die Umweltbelastung durch unsern großindustriellen Sektor, einschließlich Energiewirtschaft, kann ohne ruinöse Investitionen rapide zurückgehen, wenn wir ihn schlanker werden lassen und so zugleich Raum geben für den Einstieg in einen sozialökologischen Sektor, der auch Massen von Menschen beschäftigen könnte.


Westdeutschland kann uns auch bei dieser Strategie helfen, kann uns mit dem Reparationsausgleich, wenn wir ihn denn schon fordern, von dem Schuldendruck entlasten, zumindest zeitweilig. Das können wir mit einer ökologischen Wende, die zugleich an die unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerung anknüpft und auch drüben Resonanz ausübt, einwerben.


Wenn wir selbst die Akkumulation der nächsten Jahre in die Sanierung eben der am meisten zugrundegerichteten Zweige stecken, Handel inklusive, und produktive sozialökologische Projekte damit anschieben - Kooperative mit Staatshilfe war ja mal ein alter Traum in der Arbeiterbewegung! -, können wir in wenigen Jahren eine starke Strukturveränderung zugunsten eines schönen Alltagslebens erreichen.


Und dieser neue Sektor, ebenso wie Reparatur- und Dienstleistungen, ist arbeitsintensiv, so daß also niemand ins soziale Netz fallen muß, das die uns anhexen wollen. Wir brauchen sicherlich weniger die riesigen Baumaschinen, wenn wir gewisse Großprojekte mal stehenlassen, als vielmehr die Bauleute und die Baumaterialien für den großen Hausputz in der Republik schon dieses Frühjahr. Es wird an Handwerkszeug und am Sortiment dafür fehlen, wenn wir die Zulieferindustrie weiter dazu verdonnern, sich von den Finalproduzenten steuern zu lassen, weil die Kapazität nicht ausreicht. Sonst müssen wir halt Eisenwaren etc. vorübergehend zukaufen; auch das wäre eine Möglichkeit. An sich sind unser Maschinenbau und unsere metallverarbeitende Industrie - am Weltmarkt rückläufig - natürlich durchaus fit, diese Normalbedürfnisse unserer Gesellschaft zu befriedigen. Wir lassen es bloß nicht zu.


Rationalisierung kommt sowieso. Aber statt eines sozialen Netzes brauchen wir für die freigesetzten Menschen eine positive soziale Perspektive, dafür Investitionen, dafür eine Technik vom Stamme small is beautyful, die Ivan Illich "konvivial" genannt hat, das heißt so, daß der Mensch vor Ort richtig damit leben kann, als bloß dranzuhängen.


Besonders wichtig, ja als der maßgebliche Zugang zu ökologisch-ökonomischer Wiedergeburt der DDR, erscheint mir die Genesung der Landwirtschaft. Ich denke, sie wird sich weithin entindustrialisieren, entchemisieren, entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zusammengehörige wiedervereinen. (Pfiffe)


Die Riesenflächen werden verschwinden, die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken, Büsche, Bäume, Teiche usw. sein. (Bewegung im Saal)


Verarbeitung der Erzeugnisse auf handwerklicher und kleinindustrieller Stufenleiter - Mühle, Bäckerei, Fleischerei, Käserei usw. - muß keiner zentralen Industrie obliegen. Direktvermarktung kann einen großen Raum einnehmen, mehr Menschen werden gebraucht werden, und es können um entsprechende Initiativen schöne Lebensformen entstehen. Und wenn ihr pfeift - das soll nicht dekretiert werden, sondern die, die losgehen wollen, sollen positive Rückkopplung haben und das Nötige an Investitionen.


Ökonomiegeschichtlich gesehen müssen wir wieder Physiokraten werden, d. h. die primäre Produktion auch primär behandeln und bewerten, unser Verhältnis zur Erde, zum Boden, zu Gewässern und Lüften, zu Pflanzen und Tieren zum Ausgangspunkt der ganzen gesellschaftlichen Perspektiv- und Rahmenplanung machen.


Wolfgang Berghofer: Kollege Bahro, es tut mir leid, wir sind zeitlich am Ende, ich bitte Sie um den Schlußsatz. (Beifall)


Rudolf Bahro: Ja, also ich denke, ich habe das Wesentliche meiner Orientierung, meiner Botschaft euch sagen können und ich danke euch dafür, daß das möglich war. Das ist auch erst einmal genug. (Beifall)

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