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18. September 2006

Gute Betreuungsangebote für alle Kinder - ein wichtiger Beitrag zur frühkindlichen Förderung und zur sozialen Integration

Standpunkte der Linkspartei.PDS

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Günstige Entwicklungsbedingungen für alle Kinder in ihren ersten Lebensjahren sind eine wesentliche Voraussetzung für die Sicherung wirklicher Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und Kultur. Bereits im frühen Kindesalter werden wichtige Weichen dafür gestellt, wie Lebenspläne reifen und realisiert werden können.

Daraus erwächst eine große Verantwortung nicht nur für die Eltern; auch die Gesellschaft als Ganzes muss besser dafür sorgen, dass die notwendigen Voraussetzungen für eine optimale Entwicklung der Kinder geschaffen werden können.


1. In Deutschland ist eine zunehmende Zahl von Kindern durch Armut bedroht.

Das Armutsrisiko verbindet sich in erschreckendem Maße mit Kindern. Der Kinderschutzbund hat im Sommer dieses Jahres festgestellt, dass mittlerweile 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren auf Sozialhilfeniveau leben. Das Armutsrisiko wächst auch für Familien bisher mittlerer Statusgruppen. Die Logik, dass Reich immer reicher und Arm immer ärmer wird, muss aufgebrochen werden.

Wenn das vermeintlich gesellschaftlich Normale nicht mehr bezahlbar wird, führt das gerade für Kinder zu erheblichen Problemen. Für viele ist mit Armut auch der Ausschluss aus wichtigen sozialen und kulturellen Lebensbereichen verbunden. Gesundheitliche Risiken sind für diese Kinder größer. Die sich vertiefende soziale Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich zunehmend auch hier wider. Bildungschancen werden eingeschränkt, Zukunftsperspektiven nachhaltig zerstört.

Kinderarmut ist kein Generationenproblem, kein Problem der Umverteilung zwischen Bürgerinnen und Bürgern mit Kindern und solchen ohne, es ist ein Problem der Gesellschaft. Die unterschiedliche Partizipation von Kindern schon im frühen Alter an Kultur und Bildung, die unterschiedlichen Milieus, in denen sie aufwachsen, der unterschiedliche Grad von Wärme und Zuwendung, die sie erfahren, wirken weit in ihre Lebenschancen hinein und drohen immer mehr, ihrerseits die soziale Segregation der Gesellschaft zu vertiefen.

Der umfassenden vorschulischen Förderung von Kindern durch Angebote der Bildung, Erziehung und Betreuung wird in den letzten Jahren von Öffentlichkeit und Wissenschaft wachsendes Interesse entgegengebracht. Für die Linkspartei.PDS ist die umfassende Förderung im frühen Kindesalter seit Jahren ein wichtiges Politikfeld. Heute gibt es einen deutlich breiteren gesellschaftlichen Konsens, dass der Bildung im Vorschulalter große Bedeutung für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung zukommt. Gewachsen ist die Einsicht, dass in Deutschland auf diesem Gebiet mehr getan werden muss.

2. Der Anspruch auf umfassende Förderung ist ein Recht des Kindes.

In Übereinstimmung mit der UN-Konvention über die Rechte des Kindes, insbesondere des Artikels 3 und dem § 1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, ist es für die Linkspartei.PDS ein verpflichtendes Gebot, dass alle Kinder das Recht auf umfassende Förderung haben und an Bildung und Erziehung in Gemeinschaft mit anderen Kindern auf freiwilliger Grundlage teilhaben können. Das muss unabhängig vom Geldbeutel der Eltern und unabhängig davon gewährt werden, inwieweit die Erziehungsberechtigten zeitlich und sachlich in der Lage sind, die Betreuung, Bildung und Erziehung selbst zu gewährleisten. Wir sprechen uns gegen die Einführung einer Kita-Pflicht aus. Eltern sollen sich ganz bewusst für die Förderung ihres Kindes in einer Kindertagesstätte entscheiden können - ohne Zugangsbeschränkung und Bedarfsprüfung. Jedes Kind muss einen Ganztagsplatz beanspruchen können. Die Linkspartei.PDS tritt dafür ein, das Kinder- und Jugendhilfegesetz nach Geist und Buchstaben konsequent umzusetzen.

3. Kindertagesstätten sollen einen aktiven Beitrag zur Förderung von Kindern leisten.

Wenn Kindertagesstätten ihrer Verantwortung für soziale Chancengleichheit und Integration gerecht werden sollen, müssen sie nach Meinung der Linkspartei.PDS einen eigenständigen und aktiven Beitrag zu Bildung, Erziehung und Betreuung und damit zur Förderung der ihnen anvertrauten Kinder leisten. Sie sollen nicht nur, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen.

Kindertagesstätten sollen als Bildungseinrichtungen profiliert werden. Förderung durch, Bildung, Erziehung und Betreuung sind dabei im Zusammenhang zu sehen. Die Linkspartei.PDS setzt sich für die Erarbeitung flexibler an der Entwicklung kindgerechter Bildungspläne für den Vorschulbereich in den Ländern ein.

In unserem Verständnis von Bildung und Erziehung im frühen Kindesalter wollen wir konsequent vom Kind, seinen sich entwickelnden Interessen und Bedürfnissen ausgehen. Jedes Kind ist einzigartig. Jedes will Schritt für Schritt auf individuelle Art und Weise die Welt begreifen und mitgestalten lernen. Erwachsene müssen lernen, Kinder ernst zu nehmen, ihnen Räume zu öffnen, in denen sie spielen, lernen und ihre Freundschaften gestalten können und Geborgenheit finden. So kann das Kind im Dialog mit Erwachsenen und gemeinsam mit anderen Kindern seinen Zugang zur Welt finden, sein Wissen von ihr und der eigenen Person entwickeln, sich als soziales Wesen begreifen lernen und die Strukturen seines Denkens entfalten.

Die Linkspartei.PDS favorisiert die gemeinsame Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern, ob behindert oder nicht behindert, ob deutscher oder anderer Muttersprache und unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.

Aufgabe von Kindertagesstätten ist es, Benachteiligungen früh zu erkennen und auszugleichen, die besonderen Talente jedes Kindes zu entdecken und ihnen Raum zur Entfaltung zu geben.

Neben der Förderung der kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten ist die Ausbildung von Gefühlen, Kreativität und Phantasie entscheidend. Wir legen Wert auf ein vollwertiges und gesundheitsförderndes Speisenangebot in den Kindertagesstätten, auf eine altersentsprechende Gesundheitserziehung und -vorsorge. Kinder sollen lernen, wie man sich gesund ernähren kann.

Zu einer Kindereinrichtung, in der sich Kinder wohl fühlen, gehören auch vielfältige Möglichkeiten zur Bewegung, zu Sport und Spiel wie Räume zur Besinnung und Erholung.

Von Kindereinrichtungen müssen Kinder Besitz ergreifen können, sie mitgestalten. Das verlangt Ideenreichtum im Umgang mit dem Vorhandenen, eine kluge Architektur, wo Neues entsteht, und eine pädagogisch sinnvolle Ausstattung.

4. Die pädagogische Qualität der Kinderbetreuung muss gesichert werden.

Für diese Arbeit ist besonders in den Kindertagesstätten eine ausreichende Anzahl qualifizierter Pädagoginnen und Pädagogen erforderlich. Die Linkspartei.PDS tritt dafür ein, schrittweise das Qualifikationsniveau der pädagogischen Fachkräfte anzuheben. Deshalb schlägt die Linkspartei.PDS vor, die Inhalte der Ausbildung von pädagogischen Fachkräften den gewachsenen Anforderungen anzupassen und das Niveau der Ausbildung von ErzieherInnen für Kindertageseinrichtungen auf Hochschulniveau anzuheben. Modelle in einigen Bundesländern, die ErzieherInnen-Ausbildung auf Fachhochschulniveau zu organisieren, unterstützen wir. Der Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers soll aus einer gewissen Perspektivlosigkeit herausgeführt, Brücken zwischen Berufsausbildung und Hochschulausbildung sollen geschlagen werden.

Die Linkspartei.PDS tritt darüber hinaus für den Ausbau der Fort- und Weiterbildungsangebote und des Erfahrungsaustauschs ein. Dazu müssen finanzielle Mittel und ein angemessener Zeitfonds zur Verfügung stehen.

Für die Arbeit in den Einrichtungen braucht es ein pädagogisches Beratungs- und Unterstützungssystem, Möglichkeiten für Konsultationen und Erfahrungsaustausch, eine Kultur der externen und internen Evaluierung.

Qualitätsstandards sollen für alle öffentlichen Angebote der vorschulischen Förderung gelten, gleich ob in Kindertagesstätten, bei Tagesmüttern, in Kinderkreisen oder anderen Formen.

5. Kita, Schule und Eltern sollen enger zusammenrücken.

Das Zusammenwirken der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe, die Koordination der verschiedenen Verantwortungsebenen soll verbessert werden. Das gilt auch für das konkrete Miteinander von Eltern, Kindertagesstätte, Schule und Jugendhilfe vor Ort.

Vor allem die Arbeit im letzten Kindergartenjahr vor der Einschulung muss inhaltlich mit den Grundschulen abgestimmt werden. Besondere Beachtung verdienen dabei die flexiblen Schuleingangsphasen, wie sie in einigen Bundesländern praktiziert werden. Ziel ist es dabei, Kindern mit unterschiedlichen Lernausgangslagen in einem Zeitraum von ein bis drei Jahren ohne die Gefahr des Sitzenbleibens individuell soweit zu fördern, dass sie erfolgreich in die dritte Klasse wechseln können.

6. Ein bedarfsgerechtes Netz von Kindertagesstätten in Stadt und Land ist nötig.

Um all diese Aufgaben gut erfüllen zu können, braucht es überall niveauvolle, vielfältige und gut erreichbare wie bedarfsgerechte Angebote zur Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder. Dabei finden die Angebote von Tagesmüttern und Tagesvätern, die über eine den Fachkräften in den Kindereinrichtungen vergleichbare Ausbildung verfügen, genauso einen anerkannten Platz wie betriebliche Kindergärten. Die Linkspartei.PDS plädiert für ein ausgewogenes Angebot von Kindereinrichtungen in kommunaler und freier Trägerschaft.

Für die gesamte Bundesrepublik trifft immer noch zu, dass die Aufwendungen für die frühkindliche Entwicklung hinter den Standards der OECD-Länder deutlich zurückbleiben. Noch 16 Jahre nach der deutschen Einheit haben Kinder in Ost und West sehr unterschiedliche Möglichkeiten, Bildungsangebote im frühen Kindesalter nutzen zu können. Zwar liegt der Versorgungsgrad mit Kindertagesstättenplätzen für die Drei- bis Sechsjährigen in den westlichen Bundesländern inzwischen bei 80 bis 90 %, aber weniger als ein Viertel davon wird als Ganztagsplatz angeboten. Während in den östlichen Bundesländern für fast 40 % der unter Drei-Jährigen ein Platz zur Verfügung steht, haben im Westen nur ca. 10 % der Kinder diesen Alters eine solche Chance. Wenn, wie das Gesetz es vorschreibt, bis zum Jahre 2010 für alle Kinder in Ost und West ein bedarfgerechtes Angebot aufgebaut werden soll, muss es erhebliche Anstrengungen insbesondere in den westlichen Bundesländern geben.

In den neuen Bundesländern gibt es immer noch ein relativ dichtes Einrichtungsnetz. Es steht im wesentlichen solide qualifiziertes Personal in großer Zahl mit einem reichen Erfahrungsschatz zur Verfügung. Darüber hinaus kann auf verbreitete Akzeptanz zu Bildungsangeboten in Kindereinrichtungen und auf frühere Bildungskonzepte für den Kindergarten zurückgegriffen werden. Allerdings wirken sich die zunehmenden Defizite in den öffentlichen Haushalten der Länder und Kommunen auch hier negativ auf die Angebotsstruktur aus.

In den alten Bundesländern hat sich eine breitgefächerte Trägervielfalt über lange Jahre herausgebildet. Damit ist oft die Entwicklung großen Engagements der Bürgerinnen und Bürger, ein hoher Grad der Identifikation mit ihren Einrichtungen und die Entwicklung und Erprobung verschiedener pädagogischer Konzepte verbunden.

Es ist sinnvoll, die Erfahrungen aus West und Ost zusammenzuführen. Im gesamtdeutschen Kontext sehen wir den Schwerpunkt im Aufbau leistungsfähiger Angebotsstrukturen in den westlichen Bundesländern und die Sicherung und Weiterentwicklung der quantitativ und qualitativ noch bestehenden Struktur der Tagesbetreuung in den neuen Bundesländern.

7. Gute vorschulische Förderung erfordert verlässliche öffentliche Finanzierung

Das finanzielle Engagement in der Bundesrepublik auf dem Gebiet frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung muss insgesamt erhöht, der Anschluss an das Niveau anderer erfolgreicher europäischer Länder muss gefunden werden. An der Erweiterung und Ausgestaltung der Angebote im frühen Kindesalter müssen sich Bund, Länder und Kommunen stärker beteiligen. Es ist das Ziel der Linkspartei.PDS, dass diese Angebote schrittweise, beginnend mit einem Vorschuljahr und der Hortbetreuung, unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Die öffentliche Finanzierung soll für ein enges Netz bedarfsgerechter Angebote sorgen, das vom ersten Lebensjahr an in ganz Deutschland allen Kindern in hoher Qualität zur Verfügung steht. Öffentliche und freie Träger müssen ausreichende Spielräume haben, damit sich ein plurales Angebot entwickeln kann, das den Eltern ein Wunsch- und Wahlrecht garantiert. Ziel ist es, dass bundes- und europaweit vergleichbare, qualitativ hochstehende Standards der Bildungsqualität erreicht werden. Der Anteil höher qualifizierten Personals muss schrittweise gesteigert werden und Mittel zur Qualitätssicherung, für pädagogische Beratungs- und Unterstützungssysteme sowie für die Fort- und Weiterbildung des Personals müssen ausreichend zur Verfügung stehen.

8. Familien müssen gestärkt werden.

Die Linkspartei.PDS geht von einem modernen Familienbild aus, das alle Formen des Zusammenlebens mit Kindern umfasst:. Neben den traditionellen Familien gehören vielfältige Formen von Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende dazu. Wir erachten es für eine wichtige Aufgabe, Erziehende bei der Bildung, Erziehung und Betreuung ihrer Kinder zu unterstützen, damit sie ihr hohes Recht und ihre große Verantwortung, die im Grundgesetz verankert sind, wahrnehmen können. Vor allem diejenigen, die mit Kindern leben, die Verantwortung für ihr Aufwachsen übernommen haben, brauchen in erster Linie soziale Sicherheit und die Perspektive einer lohnenden Entwicklung für die ganze Familie. Gleichzeitig erwarten immer mehr Familien kompetenten Rat und Hilfe zu Erziehungs-, Bildungs- und Lebensfragen. Auch dafür sind qualifizierte und gut erreichbare öffentliche Angebote nötig. Kindertageseinrichtungen müssen hier eine verantwortungsvolle Aufgabe wahrnehmen.

Die Linkspartei.PDS hält es darüber hinaus für geboten, Angebote für Kinder auch in einer solchen Form vorzuhalten, dass Väter und Mütter und alle, die mit Kindern zusammenleben, nicht nur ihre Aufgaben in einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt erfüllen, sondern auch sozial, politisch und kulturell an der Gesellschaft teilhaben können. Dazu sind flexible Angebote, Angebote auch außerhalb der üblichen Betreuungszeiten bedarfsgerecht auszubauen.

9. Wir unterstützen breite Bündnisse für ein kinderfreundliches Land.

Ob in Regierungsverantwortung oder in der Opposition trägt die Linkspartei.PDS dazu bei, Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern eine hohe Priorität zu geben. Sie nutzt ihre Möglichkeiten, die Arbeit der Jugendhilfe auf Landes- und kommunalpolitischer Ebene zu qualifizieren, Jugendhilfe und Bildungsbereich enger miteinander zu verbinden, Lösungswege für brennende Probleme zu finden und über Ländergrenzen zu propagieren.

Die Linkspartei.PDS initiiert und unterstützt breite gesellschaftliche Bündnisse, die sich für die qualitative Entwicklung und den Ausbau von öffentlichen Angeboten zur Förderung von Kindern engagieren. Das schließt kritische Positionen zu konkreten Forderungen einzelner Bündnispartner nicht aus. Sie tritt entschieden den neoliberalen Reformbestrebungen entgegen, die Sozialschwächere benachteiligen und vor allem Kinder schon früh soziale Notlagen und Konflikte spüren lassen und sie ausgrenzen.

Die Linkspartei.PDS verbündet sich mit allen, denen gute Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder am Herzen liegen. Dazu gehören in erster Linie Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und viele andere. Vor allem aber tritt sie dafür ein, dass Kinder selbst gehört werden, sich artikulieren können und ihr junges Leben demokratisch mitgestalten.
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