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22. Januar 2007

Längeres gemeinsames Lernen in der Gemeinschaftsschule

Thesenpapier der Linkspartei

Informationsvorlage für die Sitzung des Parteivorstandes am 22. Januar 2007

Das vorliegende Thesenpapier wurde auf der Grundlage konkreter Konzepte der Landtagsfraktionen und Landesverbände der Linkspartei erarbeitet. Insbesondere in den Landtagsfraktionen wurden in den vergangenen zwei Jahren Konzepte und Gesetzesvorlagen erarbeitet, zwischen denen es große Deckungsmengen, aber natürlich auch Unterschiede gibt. In Hamburg gibt es ein gemeinsames Konzept zwischen Linkspartei und WASG, das ebenfalls aufgenommen wurde. Andere Landesverbände haben - vor allem in Wahlprogrammen - ähnlich lautende Grundforderungen erhoben, aber noch keine so detaillierten Papiere vorgelegt. Soweit sie zugänglich waren, wurden sie berücksichtigt. Dennoch verzichtet das Papier auf die Nennung konkreter Wege in einzelnen Ländern, weil es um einen für alle Länder annehmbaren Kompromiss gehen sollte.

"Deutschland - so belegen nationale Untersuchungen und internationale Vergleiche - ist ein Land mit extrem großer Abhängigkeit der Bildungsmöglichkeiten und des Bildungserfolgs von sozialer Herkunft. Sich diesem Trend entgegenzustellen und ihn schließlich zu überwinden, versteht die PDS als ein zentrales Anliegen ihres politischen Wirkens. Es zielt auf die Verzahnung von Sozialpolitik und Bildungspolitik, auf die Schaffung der erforderlichen sozialen Bedingungen für die Durchsetzung gleicher Bildungsmöglichkeiten für alle, auf die Erhaltung und Stärkung der Rolle und Verantwortung des Sozialstaates für die Entwicklung und Bildung der jungen Generation." (Bildungspolitische Leitlinien der PDS, vorgelegt auf der Bildungspolitischen Konferenz der PDS in Weimar, Mai/Juni 2005)

1. Länger gemeinsam Lernen - Worauf begründet sich unser Ansatz?

1.1. Unser Bildungsziel:

"Eine breite gegenwarts- und zukunftsbezogene Bildung ist für alle Menschen, vor allem für die Kinder und Jugendlichen, heute wichtiger denn je. Sie muss den Erfordernissen unserer sich dynamisch entwickelnden Welt entsprechen, die kritische, lernfähige, zur Gemeinschaftsarbeit bereite und ein ganzes Leben lang lernende Menschen braucht." (Leitlinien)

Freier und gleicher Zugang zu allen Bildungsangeboten ist darum heute unabdingbare Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen, für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit, für ihre Teilhabe am kulturellen Leben und an der Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung sowie für ihr persönliches Wohlergehen. Er muss für alle Menschen gleich welchen Alters und ohne Diskriminierung möglich sein. "Die Bildungspolitik wird zu einer der tragenden Säulen einer zivilgesellschaftlichen Erfordernissen dienenden Gesellschaftspolitik." (Leitlinien)

Bildungserwerb ist für uns ein Menschenrecht.

"Wir wollen eine Bildung, die auf das vielseitig entwickelte Individuum zielt, das in der Gemeinschaft grundlegende Bedingungen für seine Entwicklung, aber auch Orientierung für seine Entfaltung findet." (Leitlinien)

Bildungsgüter sind öffentliche Güter. Bildungseinrichtungen sind für alle Bildungsebenen vorzuhalten und zugänglich zu machen als eine Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Ein zentraler Teil des öffentlichen Bildungssystems ist die Schule. Sie ist der Hauptort, in dem Kinder und Jugendliche Bildung erwerben. Darum wollen wir eine Schule, in der alle Kinder erfolgreich lernen können.

1.2. Was kritisieren wir am derzeitigen Bildungssystem?

In der Bundesrepublik Deutschland ist die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft so groß wie in kaum einem anderen europäischen Staat. Das ist ein Skandal. In einer Zeit, in der die Verwirklichung individueller Lebensperspektiven, in der auch eine erfolgreiche Entwicklung der Gesellschaft einen hohen Bildungsstand der Menschen voraussetzt, die in ihr leben, bedeutet diese Abhängigkeit einen Ausschluss von Lebensperspektiven für Menschen, die nicht über die sozialen und materiellen Bedingungen für erfolgreichen Bildungserwerb verfügen.

Das gegliederte Schulsystem in Deutschland hat sich als ungeeignet erwiesen, diese Misere zu überwinden. Im Gegenteil: Mit der Zuweisung von Bildungsmöglichkeiten und Bildungsgegenständen nach Maßgabe vermeintlicher Leistungsfähigkeit bereits auf sehr früher Altersstufe wird die starke soziale Segregation reproduziert und verstärkt.

Konservative Bildungspolitik geht immer noch davon aus, dass Menschen nur soviel staatlich finanzierte Bildung zuteil werden soll, wie es für den ihnen zugewiesenen Platz in der Gesellschaft und die Verwertung auf dem Arbeitsmarkt erforderlich erscheint. Diese Zuteilung von Bildung und damit von Lebenschancen kann man bis in Lehrpläne hinein nachvollziehen. Frühzeitige Einordnung in unterschiedliche Bildungsgänge mit unterschiedlichen Abschlusszielen, mangelhafte Förderung mit dem Ziel höherer Bildungsbeteiligung und vielerorts schlechte Lehr- und Lernbedingungen haben zur Folge, dass Kinder und Jugendliche die ihnen möglichen Bildungsabschlüsse gar nicht oder erst über Umwege erreichen, sodass ihnen viele Lebenschancen verwehrt bleiben.

Die Durchlässigkeit im gegliederten Schulsystem ist völlig unzureichend ausgeprägt. Es gibt sie vor allem in Richtung niedrigerer Schulabschlüsse. Viele, zu viele verlassen die Schule ganz ohne Abschluss oder mit einem schlechten Kompetenzniveau, mit dem sie keinen Ausbildungsplatz finden können. Im Gegenzug wirken die mangelhafte Ausbildungsplatzsituation und die hohe Arbeitslosigkeit demotivierend auf Lernbereitschaft in der Schule.

Diese Situation wird inzwischen auch von der herrschenden Politik beklagt. Darum hat sie hat in Auswertung der vielfältigen internationalen Vergleiche und Bildungsstudien einigen Reparaturversuchen innerhalb des bestehenden Systems gegriffen und jüngst neue angekündigt. Wir zweifeln nicht an, dass dabei auch für einzelne junge Menschen Fortschritte für die Bildung realisiert werden können. Wir zweifeln aber an, dass diese Flickschusterei an einem überlebten System geeignet ist, durchgreifende Veränderungen der Bildungswirklichkeit zu realisieren. Die Hauptschule bleibt auch mit diesen Maßnahmen eine Hauptschule. Ihr Abschluss findet längst keine breite gesellschaftliche Anerkennung mehr, was man nicht nur an den Entscheidungen von Ausbildungsbetrieben gegenüber BewerberInnen mit einem solchen Abschluss nachweisen kann.

Die jahrzehntelange Verweigerung einer Schulreformdebatte, die nicht in den Schranken der Gliederung verhaftet bleibt, ist nicht nur für die Betroffenen zu einem erheblichen Problem geworden, sie ist zugleich ein maßgebliches Hemmnis für die erfolgreiche Entwicklung von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Die Ausgrenzung eines beträchtlichen Teils von Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben, aus Arbeit, Teilhabe, Kultur belastet mittlerweile auch die sozialen Sicherungssysteme, den Generationenvertrag und den sozialen Frieden in der Gesellschaft. Dieser Befund ändert sich auch nicht durch die bejubelten jüngsten wirtschaftlichen Erfolge, gehen sie doch einher mit der Ausgrenzung eines großen Teils der Bevölkerung vom Arbeitsmarkt und von sozialem Wohlstand. Die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen dürfen sich darum nicht auf Bildung beschränken, sie sind auch nicht durch eine Bildungsreform zu ersetzen. Unsere Forderungen nach grundlegenden sozialen Veränderungen bleiben darum bestehen. Eine Reform des Bildungssystems ist keine zweitrangige Frage, sondern ein bedeutsamer Bestandteil der Gesamtpolitik. Wir fassen sie darum als Teil unserer "Agenda sozial".

1.3. Was ist unser Konzept?

Eine grundlegende Schulreform, die sich nicht nur auf Schulstrukturen beschränken darf, ist keine hinreichende, aber eine unverzichtbare Bedingung, gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung für alle zu ermöglichen. Die Umgestaltung des Schulsystems zu einer Schule, die alle Kinder und Jugendlichen aufnimmt, kann ein Schritt sein, die gesellschaftliche Ausgrenzung eines großen Teils der Bevölkerung zu beenden.

Wir wollen Schluss machen mit der Praxis, Schülerinnen und Schüler vermeintlich "geeigneten" Schulformen zuzuweisen. Die Hauptschule ist für uns, trotz aller Bemühungen von Pädagoginnen und Pädagogen, keine erstrebenswerte, weil keine zukunftsfähige Schulform.

Wir gehen davon aus, dass alle Kinder in ihrer Individualität gefördert und zu einem höchstmöglichen Schulabschluss geführt werden können. Dazu brauchen wir ein Schulsystem mit einer integrativen Schule, die alle Kinder, gleich welcher Herkunft, aufnimmt und optimal fördert.

Wir nennen diese Schule Gemeinschaftsschule.

Ein integratives Bildungssystem kann nicht in Konkurrenz zu einem gegliederten System entstehen. Veränderungen müssen notwendiger Weise über die Frage der bloßen Schulform hinausgehen und zu einer neuen Kultur des Lernens und Lehrens führen. Es kommt darauf an, die unterschiedlichen Begabungen der Kinder zu entdecken und zu fördern. Dafür müssen Schülerinnen und Schüler Subjekte des Lernprozesses sein können. Wir sehen im integrativen Lernen, im bewussten Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler im gemeinsamen Lernprozess eine Chance, von der Kinder mit schwächeren Lernleistungen und schlechteren Lernausgangslagen ebenso profitieren wie leistungsstarke Kinder. Auch besondere Begabungen sind so besser zu entdecken und zielgerichteter zu fördern. Integrative Bildung ermöglicht den Erwerb sozialer Kompetenzen wie auch die Chance für mehr Nachhaltigkeit des Gelernten. Kinder lernen von Kindern am besten und am schnellsten. Darum haben solidarische Lern- und Arbeitsformen in einer Gemeinschaftsschule für uns ebenso ihre Berechtigung wie zusätzliche individuelle Förderung. Zielgerichteter Nachteilsausgleich und individuelle Förderung besonderer Begabungen schließen sich nicht aus, sondern sie bedingen einander.

2. Veränderungen in der Schulstruktur, in den Bildungswegen und Abschlüssen

Die neue Gemeinschaftsschule umfasst die Primarstufe (1-4) und die Sekundarstufe I (5-10). Mindestens bis zum Abschluss der Klasse 8 sollen alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden.

In der Gemeinschaftsschule sollen die Schülerinnen und Schüler nicht in abschlussorientierte Klassen oder Lerngruppen sortiert werden. Einen besonderen Hauptschulbildungsgang oder entsprechende Kurse wird es also nicht mehr geben, aber auch keine frühe Trennung in einen besondern Bildungsgang zum Abitur. Die Gemeinschaftsschule ermöglicht alle schulischen Abschlüsse. Die Vollzeitschulpflicht soll 10 Jahre betragen. Die Gemeinschaftsschule soll, soweit dies möglich ist, Kinder mit Behinderungen aufnehmen und individuell fördern. Schulen für Lernbehinderte sollen künftig der Vergangenheit angehören.

Am Ende der 10. Klasse wird ein solider Schulabschluss erreicht, der den Zugang zu allen beruflichen Bildungsgängen ermöglicht, aber auch den direkten Bildungsweg zum Abitur. In der Bundesrepublik heißt dieser Abschluss heute meist Realschulabschluss oder mittlere Reife. Ein Schulabschluss unter diesem Niveau soll die Ausnahme bleiben.

Wir wollen ein möglichst wohnortnahes Schulangebot sichern, kurze Wege für kurze Beine gilt darum für uns im besonderen Maße. Darum sollen Grundschulen als Schulen der Primarstufe möglichst wohnortnah angeboten werden. Wir plädieren aber ebenso für Kontinuität in der Bildung von Klassenstufe 1 bis 10. Wo immer es möglich ist, sollen darum Primar- und Sekundarstufe in einer Schule nicht nur räumlich, sondern auch organisatorisch zusammengeführt werden. Mindestens aber sollen Grundschulen mit den weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I eng zusammenarbeiten.

Die Klassen 11-12 oder 13 bilden die Sekundarstufe II. Der Übergang in einen Bildungsweg, der zur Hochschulreife (Abitur) führt (Gymnasiale Oberstufe oder Oberstufenzentrum), soll frühestens nach erfolgreichem Abschluss der Klasse 8 erfolgen. In den meisten europäischen Ländern erfolgt dieser Übergang nach Klassenstufe 9. Auch diese Möglichkeit kann in Erwägung gezogen werden. Aber auch nach dem erfolgreichen Abschluss der 10. Klasse soll ein Übergang zur gymnasialen Bildung ohne Umwege möglich sein.

Wir setzen uns dafür ein, dass im Anschluss an die neue Gemeinschaftsschule bis Klasse 10 auch doppeltqualifizierende Bildungsgänge angeboten werden können. Es entspricht den Anforderungen an das Bildungsniveau in vielen modernen Berufen, dass anspruchsvolle berufliche Ausbildung mit einer hohen Allgemeinbildung verbunden sind. Die Berufsausbildung mit Abitur ist darum nicht nur ein Beitrag zu mehr Durchlässigkeit im Bildungswesen, sondern unter Umständen ein Gebot der Zeit.

Möglichst alle Schulen sollen ein ganztägiges Bildungsangebot vorhalten können. Ob sie dies in offener Form (Unterricht in der Regel am Vormittag, nachmittags Zusatzangebote) oder in gebundener Form (für alle verpflichtendes Bildungsangebot bis zum Nachmittag, bestehend aus Unterricht und Wahlangeboten) vorgehalten wird, sollen die Schulen unter Beachtung des Bedarfs und der kulturellen Entwicklung in der jeweiligen Region entscheiden.

3. Moderne Bildung in einer Gemeinschaftsschule - Inhaltliche Ansprüche und Gestaltung

Auf der Basis von bundesweit für alle Gemeinschaftsschulen geltenden inhaltlichen Mindeststandards zu Bildungsinhalten und der dafür erforderlichen Stundentafel sollen Schulen mehr Freiräume bei der Auswahl der Stoffe, für zusätzliche Bildungsinhalte und über die Unterrichtsformen sowie für außerunterrichtliche Betätigungsmöglichkeiten erhalten, also ihr pädagogisches Profil selbst bestimmen und über den Einsatz von finanziellen Mitteln sowie Personal selbst entscheiden können.

Ziel der Gemeinschaftsschule ist nicht Gleichmacherei. Sie gewährleistet eine den einzelnen Schülerinnen und Schülern angemessene, altersgerechte Förderung ihrer Fähigkeiten, Interessen und Neigungen. Sie zielt auf eine umfassende Stärkung und eine ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Die Schule des 21. Jahrhunderts ist eine allgemeinbildende Schule, in der das polytechnische Prinzip einen modernen praxisnahen Unterricht ermöglicht. Die Gemeinschaftsschule gewährleistet eine umfassende Allgemeinbildung für alle Schülerinnen und Schüler. Allgemeinbildung in der Gemeinschaftsschule, wie wir sie verstehen, umfasst deshalb alle Bereiche des menschlichen Lebens - Natur, Arbeitswelt, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Wissenschaft und Kunst, soziale und ethische Beziehungen, Freizeit und Familie.

Die Förderung besonderer Begabungen soll bereits in der Grundschule beginnen und über den gesamten Bildungszeitraum durch individuell zu nutzende erweiterte Angebote möglich sein. Zudem sollen die Schülerinnen und Schüler mehr Freiräume für das Setzen eigener Schwerpunkte im Sinne einer eigenständigen Entwicklung haben.

Gleichermaßen sollen Unterstützungssysteme für Schülerinnen und Schüler, deren Lernvoraussetzungen ungünstiger sind, über den gesamten Zeitraum der allgemeinbildenden Schule entwickelt werden. Schülerinnen und Schüler sollen auf die individuellen Erfordernisse der Persönlichkeit ausgerichtete Förderangebote und Nachteilsausgleich erhalten. Dazu sollen Schulen allen Schülerinnen und Schülern zum Beispiel die Nutzung von Schulbibliotheken und Computerkabinetten auch am Nachmittag ermöglichen.

In der Primarstufe soll zum Beispiel dazu die flexible Schuleingangsphase weiter profiliert werden, um Nachteile, die aus der individuellen Entwicklung und dem häuslichen Umfeld erwachsen, auszugleichen. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist es notwendig, Kindertagesstätten endlich bewusst zu Orten eines altersgerechten Lernens zu machen und dafür zu sorgen, dass für alle Kinder von 0 bis 6 ausreichend Plätze zur Verfügung stehen. Damit sie auch von allen genutzt werden können, müssen sie zukünftig beitragsfrei zugänglich sein.

Gemeinsam lernt man besser. In der Gemeinschaftsschule sollen die Vorteile heterogener Lerngruppen für das gemeinschaftliche Lernen erschlossen werden. Der Unterricht findet in verschiedenen, gleichberechtigt nebeneinander stehenden Lernformen, statt. Diese Lernformen können z.B. Frontaleinheiten, Kleingruppenarbeit, Einzelarbeit, Projektarbeit, jahrgangsübergreifendes Arbeiten und andere sein. Methoden, die forschendes und entdeckendes Lernen befördern, werden sich für alle Schülerinnen und Schüler als Vorteil erweisen. Gleichzeitig verbessert sich so das Schulklima und die Freude an der schulischen Arbeit für Lehrerinnen und Lehrer sowie für Schülerinnen und Schüler.

Die Gemeinschaftsschule ist im besten Sinne eine Schule gemeinschaftlicher Bildungsarbeit. Hier wollen wir an positive Erfahrungen aus den skandinavischen Ländern anknüpfen. Unterricht, weiterführende Angebote im Wahlpflichtbereich und in zusätzlichen attraktiven Arbeitsgemeinschaften, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Angebote sollen den Rahmen für erfolgreiches Lernen schaffen. Um die Bildungsarbeit intensiver zu gestalten schlagen wir vor, speziell ausgebildetes pädagogisches Fachpersonal neben Lehrerinnen und Lehrern im Unterricht einzusetzen. Individuelle Hilfen im Unterricht und zeitweise Arbeit in kleinen Lerngruppen werden so ermöglicht.

Die Gemeinschaftsschule ist eine sozial engagierte Schule. Sie schaut nicht weg, wenn Schülerinnen und Schüler in ihrem persönlichen und häuslichen Umfeld Probleme haben. Sie entwickelt Solidarität untereinander und bietet sozialpädagogische und sozialpsychologische Hilfen. In der Primarstufe sollte nicht nur aus sozialen Gründen ein vollwertiges kostenloses Mittagessen für alle Kinder vorgehalten werden.

Die Gemeinschaftsschule schätzt den Wert der Integration von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen und unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Alle sollen nach Maßgabe ihrer individuellen Entwicklungsmöglichkeiten gefördert werden. Ein Abschieben von Lernenden in andere Schulformen wird in der Gemeinschaftsschule ebenso fremd sein wie das Sitzenbleiben.

Für das Lernen in kleinen Lerngruppen bedarf es eines angemessenen Einsatzes von Fachlehrerinnen und Fachlehrern. Dort wo in Klassen gearbeitet wird, sollten die Klassengrößen 25 Schülerinnen und Schüler, in der Primarstufe 20 nicht überschreiten.

Schule soll sich dem regionalen Umfeld, der Stadt oder dem Stadtteil öffnen. Eine gute Schule pflegt zahlreiche Verbindungen zu Vereinen, Verbänden, öffnet sich kulturellen Angeboten der Region und bereichert damit das schulische Angebot.

4. Wie kommen wir zu einer solchen neuen Schule?

Auf Grund der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland haben sich in allen Ländern besondere Strukturen in der Bildungslandschaft entwickelt. Die Schulpolitik ist in besonderem Maße der alleinigen Verantwortung der Länder unterworfen. In der über 50-jährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat sich das allgemeinbildende Schulwesen an vielen Stellen auseinander entwickelt. Aus diesem Grunde differieren Schulformen, Schulstruktur, Stundentafeln und Bildungsinhalte stark. Die zahlreichen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz schaffen wenig Vergleichbarkeit, zementieren aber den Grundsatz der Gliederung und bilden insgesamt ein zu enges Korsett für eine wirkliche durchgreifende Bildungsreform. Für eine grundlegende Bildungsreform im Bereich der allgemeinen Schulbildung müssen darum wesentliche einengende Bestimmungen der Kultusministerkonferenz aufgehoben werden. Dazu zählt die zwangsweise Gliederung in unterschiedliche Leistungsniveaus und ihre Ausrichtung auf unterschiedliche Abschlüsse. Ein vielerorts eingefordertes bundesweites Bildungsrahmengesetz kann diese Mängel nur heilen, wenn es auf gliedernde Vorgaben verzichtet und auf der Grundlage einheitlicher Bildungsziele vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten für die Schulen eröffnet. Ein stärkeres Engagement des Bundes für einen Übergang zu einer Gemeinschaftsschule in allen Bundesländern halten wir jedoch für erforderlich. Gleichwohl ist die Bereitschaft zu solcher Verantwortungsübernahme derzeit weder beim Bund noch bei den Ländern vorhanden.

Aus diesem Grunde werden die Wege zu einer neuen Gemeinschaftsschule in den Bundesländern verschieden sein. Die derzeit vorliegenden Konzepte zielen auf die flächendeckende Einführung neuer gemeinschaftlicher Schulformen oder auf Schritte der Öffnung hin zu längerem gemeinsamen Lernen über die Öffnung und Umgestaltung der bestehenden Schulen oder auch über Pilotschulen, die nach dem neuen Konzept arbeiten. Die Linkspartei befördert alle Wege, die in absehbarer Zukunft eine neue Gemeinschaftsschule in ganz Deutschland möglich machen.

5. Demokratische Prinzipien der Arbeit in der Gemeinschaftsschule

Die Gemeinschaftsschule ist eine demokratische Schule. Das prägt ihren Inhalt und ihre innere Organisation. Wir wollen eine Schule, in der die Konferenzen drittelparitätisch zusammengesetzt sind. Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern sollen gleichberechtigt die Gestaltung der schulischen Arbeit mitbestimmen und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten mitwirken können.

Mitspracherechte sollen darüber hinaus alle an der Schule tätigen pädagogischen Fachkräfte haben. Auch das technische Personal soll sich einbringen können.

Wichtige Partner bei der erfolgreichen Gestaltung schulischer Arbeit sind die Eltern. Der vertrauensvollen Zusammenarbeit von Elternhaus uns Schule soll darum große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ihre Mitwirkung bei der Qualifizierung schulischer Angebote ist ausdrücklich erwünscht.

Schülervertretungen sollen sich mit allen die Schülerinnen und Schüler interessierenden Fragen befassen können. Schülerinnen und Schüler sollen im Unterricht über die Auswahl von Stoffen und Themen, über Arbeitsformen und Unterrichtsgestaltung sowie über die Auswahl weiterer schulischer Angebote mitentscheiden können.

6. Priorität für Bildung - das Geld sinnvoll nutzen!

Es pfeifen seit langem die Spatzen von allen Dächern, dass in Deutschland mehr Geld der öffentlichen Hand für Bildung aufgebracht werden muss. Nach wie vor liegt der Anteil öffentlicher Aufwendungen in die Bildung gemessen am Bruttoinlandsprodukt unterhalb des OECD-Durchschnittes. Das kann in einem so reichen Land nicht länger hingenommen werden. Es kommt also darauf an, die Finanzkraft der öffentlichen Haushalte zu stärken und dafür Sorge zu tragen, dass mehr Geld als bisher in die Bildung fließen kann. Die Aussage, Bildung sei eine Investition in die Zukunft, darf nicht als gefälliger Slogan über die konkreten Finanzierungserfordernisse hinweg täuschen. Zudem ist das gegliederte Schulwesen nicht billiger als die Gemeinschaftsschule, es ist in der gesellschaftlichen Gesamtrechnung sogar viel teurer. Die Umgestaltung der Schulstruktur in eine Gemeinschaftsschule dient darum auch dem Ziel, die Mittel für das öffentliche Schulwesen, die durch die Länder und die Kommunen aufgebracht werden, mit größtmöglichen Nutzen für alle einzusetzen. Wir gehen zum Beispiel davon aus, dass mit einer Gemeinschaftsschule dichteres Schulnetz für weiterführende Bildungsgänge als mit dem gegliederten Schulwesen vorgehalten werden kann. Kurzfristig sollen durch zurückgehende Schülerzahlen frei werdende Mittel genutzt werden, um die Bedingungen für Bildung weiter zu verbessern. Dazu gehören für uns sanierte Schulgebäude, eine angemessene bauliche Ausstattung sowie mit Lehr- und Lernmitteln, ausreichendes Lehrpersonal und zusätzliches pädagogisches Personal zur Begleitung der Bildungs- und Erziehungsarbeit.

Wir stehen auf dem Standpunkt, dass Schülerinnen und Schüler auch gleiche materielle Zugangsbedingungen zu Bildung haben müssen. Darum plädieren wir für die kostenlose Bereitstellung von Lehrbüchern und anderen Lehrmaterialien, eine kostenlose Schülerbeförderung für Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen.

Wir wissen, dass die öffentlichen Haushalte durch die Finanz- und Steuerpolitik der Bundesregierungen seit vielen Jahren stark belastet worden sind und Haushaltsspielräume dadurch stark eingeschränkt wurden. Darum können auch bei gutem Willen der Verantwortlichen in Parlamenten und Verwaltungen nicht alle diese Forderungen auf einen Schlag umgesetzt werden. Wir sind dennoch dafür, jetzt mit der Umgestaltung des Schulwesens zu längerem gemeinsamen Lernen in Gemeinschaftsschulen - gleich wie sie in den Ländern jeweils genannt werden und welche konkreten Wege gegangen werden sollen - zu beginnen. Wir stehen dafür, bei Haushaltsentscheidungen den Fragen der Bildungsfinanzierung durch die öffentlichen Haushalte Priorität einzuräumen und der weiteren Privatisierung von Bildungskosten entgegenzuwirken.

Insgesamt sind wir sicher, dass sich die von uns angestrebten Veränderungen in der Schullandschaft in der gesellschaftlichen Gesamtrechnung auszahlen.

7. Die LehrerInnenausbildung verändern

Die Linkspartei hält es für erforderlich, die pädagogische Ausbildung zu reformieren. Es kann nicht länger sein, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihres Studiums kaum Praxiskontakte haben. Die Aufteilung in Fachausbildung auf der einen Seite und pädagogischer Praxis auf der anderen Seite, die zudem noch hauptsächlich in die zweite Phase der Lehrerausbildung verschoben wird, wird dem Anspruch an den LehrerInnenberuf nicht gerecht. Der Beruf der Lehrerin, des Lehrers stellt sehr komplexe Anforderungen an fachliches Wissen und pädagogisches und methodisches Können. Das muss sich in der Ausbildung besser wiederspiegeln. Wir fordern eine Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung, von Fachwissenschaft und Pädagogik, Didaktik und Methodik über die gesamte Dauer der Ausbildung. Sie brauchen ebenso solide psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse. Um besser Lehren zu können brauchen sie diagnostische Fähigkeiten und Grundkenntnisse über sonderpädagogische Arbeit.

Eine Gemeinschaftsschule benötigt keine "Zwei-Klassengesellschaft" im LehrerInnenberuf, sondern eine gemeinsame Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit einer Spezialisierung für unterschiedliche Schulstufen, für die Primarstufe und die Sekundarstufen.

Es kann auch nicht angehen, dass AbsolventInnen nach der ersten Staatsprüfung keine Referendarstelle erhalten. Wer die erste Staatsprüfung erfolgreich absolviert hat, muss einen Rechtsanspruch auf die zweite Phase der Lehrerausbildung haben. Diese soll sich zeitnah an das Studium anschließen.

8. Umfassende Bildungsreform nicht weiter verschieben!

Der Übergang zu längerem gemeinsamen Lernen in einer Schule für alle Kinder entspricht sowohl moderner pädagogischer Forschung als auch den positiven Erfahrungen vieler europäischer Länder. Nicht zuletzt lohnt es sich auch, die Erfahrungen der polytechnischen Schule in der DDR, an die sich vor allem in den neuen Bundesländern immer mehr Menschen erinnern, neu und kritisch aufzuarbeiten.

Eine umfassende Bildungsreform in Inhalt und Form darf nicht länger aufgeschoben werden. Die Bundesrepublik hat in dieser Sache einen enormen Nachholebedarf. Den Preis für die jahrelange Reformverweigerung zahlen Schülerinnen und Schüler. Nicht nur, dass zu viele die Schule ohne einen Abschluss verlassen, auch die Abschlüsse unterhalb des Abiturs sind keine Garantie mehr für einen erfolgreichen Einstieg in berufliche Ausbildung. Die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten liegt deutlich unterhalb der Absolventenzahl anderer europäischer Länder.

Darum ist eine Schulreform, die zu besserer Bildung und zu mehr höheren Bildungsabschlüssen führt, eine Voraussetzung für bessere Berufs- und Lebenschancen für junge Menschen, gerade mit dem Blick auf Europa. Eine solche Schulreform erfordert also, den Blick über den engen bundesdeutschen Tellerrand hinaus zu weiten. Die übergroße Mehrzahl der Länder Europas ermöglicht - bei aller Unterschiedlichkeit der Bildungssysteme - Schülerinnen und Schülern ein längeres gemeinsames Lernen bis zum 14., 15. oder 16. Lebensjahr.

In der Bundesrepublik werden dagegen sogar Gesamtschulen zu einer äußeren Fachleistungsdifferenzierung gezwungen, weshalb sie ihre pädagogischen Potenziale nicht voll entfalten können. Dennoch gibt es einen wachsenden Zulauf gerade zu dieser Schulform, was die Notwendigkeit eines Umstieges nachdrücklich belegt. Eine Bildungsreform hin zu einer Gemeinschaftsschule wird darum auch für fast alle bestehenden Gesamtschulen einen Gewinn darstellen.
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