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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: November 2006

Die Parteihochschule der SED - ein kritischer Rückblick

Helmut Müller, Berlin

Die Herausgeber dieser Publikation - Uwe Möller und Bernd Preußer - liefern mit den Verfassern von 15 Arbeiten einen Beitrag zur Geschichte der Parteihochschule "Karl Marx".

Um es vorwegzunehmen: Wer unter diesem sachlich-nüchternen Titel eine enge Darstellung des Innenlebens dieser zu den höchsten Bildungsstätten der Partei zählenden Einrichtung vermutet, der irrt. Vielmehr geben die Autoren - Leiter von Wissenschaftsbereichen oder Lehrstühlen und einige ihrer Mitarbeiter - in unterschiedlicher inhaltlicher Spannweite eine aufschlußreiche Auskunft darüber, wie sie ihre damalige Arbeit mit dem Abstand von anderthalb Jahrzehnten nach der Niederlage des Sozialismus sehen. Dabei geht es ihnen nicht um einen nostalgisch verklärten Blick auf die Vergangenheit, sondern um eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung sowie um anregende Überlegungen zum Heute und die möglichen Entwicklungen in absehbarer Zukunft.

Das dürfte nicht nur die Aufmerksamkeit des von den Autoren vor allem anvisierten Kreises - die Absolventen der Schule - finden, sondern ebenso die von heute politisch Engagierten, von zeitgeschichtlich und gesellschaftswissenschaftlich Interessierten. Das dürfte auch daraus resultieren, daß die Geschichte der Parteihochschule ein Teil - kein unwesentlicher - der Geschichte der Gesamtpartei ist.

Unter diesem Gesichtspunkt verdienen zwei Aspekte Beachtung. Zum einen der, daß jede gravierende Veränderung der Politik der Partei, und nicht minder der der KPdSU, sich in einschneidenden Veränderungen der Konzeptionen, der Inhalte der Lehr- und Forschungstätigkeit der Schule widerspiegeln. Nachvollziehbar wird dies an den Konsequenzen geschildert, die sich aus der Entwicklung der SED zu einer Partei neuen Typus ergaben. So wurde ein neuer Lehrstuhl "Geschichte der KPdSU" installiert und die Vermittlung der Erfahrungen der weltweit ersten Partei dieses Typs seine vorrangige Aufgabe. Vor allem galt es, Werke von Lenin, noch mehr die von Stalin, zu studieren und als Leitfaden für das Ganze den "Kurzen Lehrgang der KPdSU" - die "Enzyklopädie eines deutschen Arbeiters" (W. Ulbricht, Reden und Aufsätze, Bd. 3, S. 347) - zu nutzen. Aus diesem Lehrstuhl heraus entwickelte sich ein weiterer Lehrstuhl, der zur "Lehre von der Partei neuen Typus".

Als das "Neue ökonomische System" aus der Taufe gehoben wurde, führte das zu einer weitgehenden Umgestaltung des gesamten Studienprozesses, besonders auf dem Gebiet der politischen Ökonomie.

Neue Lehrstühle für die "Politische Ökonomie des Sozialismus", die "Ökonomie der Industrie", die "Ökonomie der Landwirtschaft" wurden etabliert. Sie vermittelten die Grundgedanken des NÖS, was mit fortlaufenden Änderungen, "Anpassungen" an die immer neu erfundenen Weiterentwicklungen im System verbunden war. Am tiefgreifendsten und konstantesten war die "Wende in der Politik" des VIII. Parteitages. Sie bestimmte Lehre und Forschung über fast zwei Jahrzehnte. Für die wissenschaftlichen Mitarbeiter der PHS war das nicht einfach die folgsame Durchführung zentraler Entscheidungen. Wie Autoren an Hand konkreter Situationen und verschiedener Episoden darstellen, führten sie zu Auseinandersetzungen um das Was und das Wie, über die Überwindung des verbreiteten und tiefverwurzelten Dogmatismus, mit reellen und auch vermeintlich revisionistischen Standpunkten, war mit persönlichen Konflikten im Widerstreit zwischen Partei- und Beschlußdisziplin und mit gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden. Der hinter den "Mauern des roten Klosters" geführte offene Meinungsstreit und die Hinwendung zu neu herangereiften Problemen führte zu neuen Sichten. Leider fanden manche auf Grund der entscheidungsunfreudigen "alten Papas" in der Führung keinen Eingang in die Unterrichtsarbeit.

Ein zweiter Aspekt ergibt sich aus der vorrangigen Aufgabenstellung für die PHS, die in den Beschlüssen der Parteiführung stets betont wurde, "Kader auszubilden, die der Partei treu ergeben sind und die beispielhaft bei der Verwirklichung der Parteibeschlüsse vorangehen". Angesichts der Positionen, die Absolventen in Partei, staatlichen Organen, der Wirtschaft und in gesellschaftlichen Organisationen einnahmen, hatten sie keinen geringen Anteil an der Entwicklung von Partei, Staat und Gesellschaft. Sie trugen in den 80er Jahren eine große Verantwortung und keine geringe Last auf ihren Schultern.

Es wäre nach der kritischen Sicht der Lehrer auf das vermittelte Wissen hochinteressant, das Urteil der ehemaligen Studenten zu hören, wie ihnen dieses Wissen in der Zeit der Destabilisierung der DDR, der Dezimierung der Mitgliederzahl der Partei, vor allen beim Schwinden ihrer Rolle in der Gesellschaft, ihres Masseneinflusses, ihrer Kampfkraft bei der Konfrontierung mit den von Tag zu Tag schärfer werdenden Angriffen des Klassenfeindes von außen und innen zustatten kam. Gerade bei ihnen dürfte der Beitrag "Worin wir die Ursachen unseres Scheiterns sehen" (Heinz Wachowitz und andere) besonderes Interesse finden. Natürlich liefert er auch für jedermann Stoff bei der Suche nach schlüssigen Antworten auf die uns umtreibende Frage.

Von ganz aktuellen Bezügen handelt der Beitrag "Wie wir den Kapitalismus einschätzten - und wie wir ihn heute sehen", ebenfalls von Heinz Wachowitz und anderen. Er wirft auch einen Blick auf zukünftige Entwicklungstendenzen und -möglichkeiten. Als Stichpunkte seien hier nur genannt: Charakterisierung des gegenwärtigen Kapitalismus, längerfristige Entwicklungen angesichts der Globalisierung, welche über den Kapitalismus hinausreichende Elemente die Globalisierung hervorbringt, welche Kräfte auf eine fortschrittliche Veränderung der Welt drängen könnten.

Nach 44jähriger Tätigkeit fällt die Bilanz der PHS beeindruckend aus: Etwa 25.000 absolvierten Lehrgänge und Kurse; sie bot über 1.200 Mitgliedern befreundeter Parteien aus 27 Ländern die Möglichkeit, sich marxistisch-leninistisches Wissen anzueignen; ungezählt sind die wissenschaftlichen und propagandistischen Veröffentlichungen. Im Sommer 1990 erfolgte die "Abwicklung" der Schule, die Entlassung der 150 Professoren, Dozenten und Assistenten, der verbliebenen Studenten und der etwa 300 Mitarbeiter in die Ungewißheit der "Perspektive", die die "neue" Bundesrepublik den Betroffenen bot.

Es stellt sich die Frage: Brauchte die PDS keine marxistische Bildungsstätte mehr, oder wollte sie sie einfach nicht - nicht "erneuert", nicht verringert im Volumen? Das Letztere scheint das Wahrscheinlichere.

Aber eins steht fest: Wer ernstlich und ehrlich ein den Kapitalismus überwindendes Ziel, den Sozialismus, anstrebt, wird den Weg ohne Marx und Engels, ohne ihre Methode der Gesellschaftsanalyse und ohne entsprechend gebildete Kämpfer nicht finden.

GNN Verlag Schkeuditz, 276 Seiten - 15,- Euro, ISBN 3-89819-236-9, www.gnn-verlag.de
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