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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: Januar 2007

Bücherbord: Viel mehr als nur ein Rückblick

Prof. Dr. Heinz Karl, Berlin

In den November-"Mitteilungen" (S. 31-33) hat bereits Helmut Müller die Aufmerksamkeit auf das Buch "Die Parteihochschule der SED - ein kritischer Rückblick" gelenkt. Anknüpfend an seine Darlegungen - denen ich beipflichte - füge ich noch einige ergänzende Bemerkungen zu diesem gehaltvollen, anregenden und wichtigen Buch hinzu. Die Autoren vermitteln ein lebendiges (und das wohl bisher detaillierteste) Bild von der Entwicklung und Tätigkeit der Hochschule und ihrer verschiedenen Lehrstühle. Das Schwergewicht legen sie jedoch - wie H. Müller sehr richtig feststellt - nicht auf deren "Innenleben", sondern auf die behandelten Probleme, welche das ganze Spektrum der Entwicklung der DDR-Gesellschaft, des Wirkens der SED und der Systemauseinandersetzung reflektierten. So vereint der Band einen bilanzierenden, insgesamt sehr kritischen Rückblick mit anregenden Überlegungen für Gegenwart und Zukunft.

Die Autoren würdigen die in Industrie, Landwirtschaft, Sozialpolitik und Kultur der DDR erzielten Leistungen und verweisen auch auf die dafür gegebenen komplizierten Bedingungen (Rohstoffarmut und -abhängigkeit, Embargopolitik, massive Abwerbungen usw.). Sie verdeutlichen die Anstrengungen zur wissenschaftlichen Verallgemeinerung der praktischen Erfahrungen beim Eindringen in das Neuland "Sozialistischer Aufbau", das Ringen um theoretischen Vorlauf für die gesellschaftliche Entwicklung, namentlich im Zusammenhang mit der Ausarbeitung des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS). Vor allem die 60er Jahre erwiesen sich als eine Zeit geistigen Aufbruchs und schöpferischer theoretischer Arbeit. Zugleich wird deutlich (und nicht nur am Abbruch des NÖS), daß das wissenschaftliche Potential bei der Entwicklung der Gesellschaftsstrategie - besonders der ökonomischen Strategie - der SED nur unzureichend genutzt wurde. Auch nach dem XX. Parteitag der KPdSU, dessen positive Rolle die Autoren unterstreichen, konnte zwar zurückgedrängt, aber nicht überwunden werden, "wie in den Jahrzehnten nach Lenins Tod dessen Gedankenreichtum bei der schöpferischen Bereicherung des Marxismus durch Stalin und die ihm folgenden Theoretiker vereinfacht oder verkürzt, aber mit dem Begriff ‚Leninismus' versehen, gelehrt und praktiziert wurde" (S. 31). Dieser Dogmatismus erwies sich als ernstes, ja verhängnisvolles Hemmnis für die theoretische Arbeit der SED und die gesellschaftliche Entwicklung. Die von Walter Ulbricht vertretene realistische Auffassung des Sozialismus als relativ selbständige Gesellschaftsformation und das NÖS mußten über Bord geworfen werden, weil sie dem von Stalin durchgesetzten sowjetischen "Grundmodell" widersprachen. Wie letzteres zustandekam und wie es wirkte, wird ausführlich erörtert. Als besonders schwerwiegend, ja verheerend erwies sich die Unterschätzung des Kapitalismus - seiner gewaltigen Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten, seiner ungeahnten Anpassungs- und Manövrierfähigkeit.

Als weiteres grundlegendes Defizit wird die Inkonsequenz in dem die Systemauseinandersetzung entscheidenden Kampf um die höchste Arbeitsproduktivität auf der Grundlage der Meisterung der wissenschaftlich-technischen Revolution (die in sowjetischer Sicht auf "wissenschaftlich-technischen Fortschritt" reduziert wurde) herausgestellt. "Hier liegt natürlich einer der tiefsten Gründe für die Niederlage des Sozialismus [...]." (S. 114). Ferner: "Die Mißachtung des Wertgesetzes und der Glaube, daß sein Wirken weitestgehend durch künstliche Maßnahmen ersetzt werden könne und müsse, war einer der schlimmsten Fehler der ökonomischen Politik aller sozialistischen Länder." (S. 111) Eingehend erörtert werden die Probleme der Triebkräfte der kapitalistischen und der sozialistischen Wirtschaft, der ökonomischen Effizienz und der Nutzung der Marktmechanismen. Auf allen diesen Gebieten zeigte sich immer deutlicher das Zurückbleiben des Realsozialismus, was auch partiell erkannt wurde. Hier machen die Autoren deutlich, daß letztlich das in der Stalin-Ära installierte politische System, das auch nach dem XX. Parteitag nicht grundlegend verändert wurde, die für den Sozialismus lebensnotwendigen Veränderungen blockierte. Zur Frage einer Alternative zu der in der Stalin-Ära realisierten und später nicht grundlegend korrigierten Orientierung, die in eine Sackgasse führte, verweisen die Autoren auf die konsequente Durchführung der Leninschen Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) - mit Bezug auf die Entwicklung in der Volksrepublik China und auch auf Erfahrungen in den ersten Jahren der DDR.

In mehreren Beiträgen wird darauf eingegangen, wie die Entwicklungen im heutigen Kapitalismus einzuschätzen sind, über welche Potentiale er verfügt, welche Widersprüche seine weitere Entwicklung bestimmen, welche Schwachpunkte seine Lage komplizieren könnten. Es wird dargelegt, welcher Wandel sich in der Arbeiterklasse vollzogen hat, wie kompliziert es heute ist, "sie und ihr Wirken überhaupt als Klasse zu erfassen" (S. 139). Gefragt wird nach möglichen alternativen Entwicklungen, den Kräften, die sie bewirken könnten, den Schritten, die sich als gangbar abzeichneten, und den eventuellen Ansatzpunkten für solche Schritte. Bei der Erörterung aller dieser Fragen gehen die Autoren davon aus, daß der Kardinalfehler der Vergangenheit - den Kapitalismus und seine Möglichkeiten zu unterschätzen - auf gar keinen Fall wiederholt werden darf. Sie verneinen deshalb kategorisch jede kurz- oder mittelfristige Perspektive seiner Ablösung. Sie haben auch den Mut, klar und unmißverständlich ihre Meinung zum Charakter unserer Epoche zum Ausdruck zu bringen: "heute noch zu glauben, daß wir uns schon bzw. trotz unserer Niederlage noch in der weltgeschichtlichen Epoche des Übergangs zum Sozialismus befinden [...], wird den Realitäten nicht gerecht [...]." (S. 262) "Der Kapitalismus ist noch immer dabei, sich die Welt zu unterwerfen." (S. 237) "Mit unserem Scheitern wurde die einmalige Chance verpaßt, dem wahrscheinlich möglichen Übergang zum Sozialismus in der Welt schon im 20. Jahrhundert den Weg zu bahnen. Eventuell gibt es mit China noch einmal eine ähnliche Chance für das 21./22. Jahrhundert." (S. 261) Wer sich Gedanken über die vergangene Entwicklung - Errungenschaften, Scheitern und die Ursachen -, die heutigen Aufgaben und die Perspektiven macht, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen!

Uwe Möller/Bernd Preußer (Hrsg.): Die Parteihochschule der SED - ein kritischer Rückblick.
Beiträge zur Geschichte der Parteihochschule "Karl Marx", GNN Verlag (Schkeuditz 2006).
276 S., 15.- Euro, ISBN 3-89819-236-9, www.gnn-verlag.de
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