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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: Januar 2001

Parteitags-Poesie

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Erich Köhler, Alt-Zauche

Genossinnen und Genossen, überm Cottbuser PDS-Parteitag schwebte wie ein Rauchwölkchen aus Bert BRECHTs Zigarre die Leuchtschrift: ... "daß ein gutes Deutschland blühe" ...

BRECHT, wenn er denn könnte, würde sagen, daß im NATO-Kriegsverbrecherbund gar kein gutes Deutschland blühen kann. Von der Forderung DEUTSCHLAND RAUS AUS DER NATO! waren die Macher dieses Parteitages um Lichtjahre entfernt.

Weil nun aber ein poetisches Wölkchen überm 7. Parteitag schwebte, so erinnere ich eine Sentenz von Johann Heinrich MERCK (nachzuschlagen unter "Sturm und Drang") an seinen Freund J.W. GOETHE: "Deine unablenkbare Richtung ist es, die Wirklichkeit zu poetisieren. Andere suchen, die Poesie zu verwirklichen und das gibt nichts als dummes Zeug."

Ich greife so weit zurück, weil unsere Parteivordenker ein Geschichtsbewußtsein praktizieren, das aus taktischen Gründen kaum hinter STALIN zurückführt.

Die Wirklichkeit zu GOETHEs Zeiten kannte keine Gaskammern, keine Neutronenbomben, keine Riesenhalden von Wohlstandsmüll und keine Verhungernden, die in diesem Müll herumwühlen, was demnach alles zu poetisieren gewesen wäre. GOETHE hatte damals gerade "Die Leiden des jungen Werthers" veröffentlicht. Deutsche Bürgersöhne lagen darüber einander weinend in den Armen oder brachten sich gar vor Weltschmerz um. Aber wenige Jahre später marschierten sie stramm gegen NAPOLEON ... "damit ein freies Deutschland blühe und halfen so der feudalen preußischen Reaktion wieder auf die Beine, sehr zum Schaden der folgenden deutschen Entwicklung.

Ich bin Poet. Ich sehe, daß es unter einer vom Großkapital beherrschten Wirklichkeit nichts zu poetisieren gibt. Ein Volk das einer herrschenden Klasse unterkriecht, die, nach Karl MARX, bei 300% Profitaussichten über Leichen geht, und das in den Marschtritt verfällt, sobald getrommelt und gepfiffen wird, bietet keine poetische Größe.

Über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen wissen wir, dank Friedrich ENGELS, Bescheid. Wo sich Menschen wegen eines Arbeitsplatzes wieder zum Affen machen lassen, ist dieser Anteil an der Menschwerdung ausgesetzt; er beginnt erst wieder mit der kommunistischen Arbeit.

Wie aber steht es mit dem Anteil der Poesie an der Menschwerdung? MARX schreibt dazu: "Die Menschheit (nicht die Deutschheit) hat schon längst den Traum von etwas, zu dem sie nur das Bewußtsein haben müßte, um ihn zu verwirklichen." Von da ab ist Menschwerdung Verwirklichung von Poesie.

Kapitalismus ist selbstlaufendes, in sich geschlossenes Geschehen. Kommunismus kann nur im erweiterten, bewußten Menschwerdungsprozeß ausgebildet werden.

Poesie ist nicht irgendeine Lyrik oder sonstige Dichtung, diese sind, wenn gut, nur begrenzt verbaler Ausdruck menschlicher Innerlichkeit. Die Griechen sagten dazu Ethos und Pathos, zu übersetzen als Hochgefühl sittlichen Handelns.

Poesie ist Liedhaftigkeit des bewußten Tuns, der Charme des menschlichen Verstandes, im Gegensatz zur bürgerlichen Rechenhaftigkeit und Verschlagenheit. LENINs Poesie hieß: "Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes." Dagegen setzte gerade die deutsche Großbourgeoisie alle Höllen in Bewegung, indem sie den deutschen Mob aus der Larmoyanz nach dem dumm gelaufenen I. Weltkrieg wieder in den Gleichschritt brachte.

Im Auframmen der Lagertore von Auschwitz durch die Panzer der Roten Armee lag eine geballte Ladung an Menschheitstraum, an Poesie.

Aber: Verwirklichte Poesie gerinnt alsbald zu krudem Alltag, der wiederum durch Poesie überwunden werden muß. Das Abklingen der ersten poetischen Welle nach der Oktoberrevolution war die eigentliche, weithin unverstandene, Ursache für die Krise des realen Sozialismus. Eine neue Welle konnte unter dem Nachdringen bürgerlicher Stofflichkeit nicht so bald aufkommen.

Menschwerdung ist ein Kontinuum aus Anforderung und Entsprechung. Solange Anforderungen mechanistisch entsprochen werden konnte, genügte der Faktor Erwerbsarbeit. Das Partizipieren am Unternehmerprofit durch Erwerbsarbeit, wie es der PDS-Führung vorschwebt, genügt den heutigen Anforderungen an die Menschwerdung in keiner Weise, es ist Unterordnung unter das unzulänglich Bestehende. Gregor GYSIs Sozialismus, der dort seine Grenzen habe, wo die Unternehmerinteressen beginnen, ist eine Sklavenmoral, eine Untertanenmoral, eine Mittätermoral. Denn die Unternehmer können nur das verteilen (so sie denn dazu gezwungen werden), was sie zuvor anderen Menschen und Völkern aus den Taschen ziehen.

Mit rhetorischen Wattebäuschchen gegen die hierzulande wieder Herrschenden und der knochenharten Rückhand gegen die paar Kommunisten in den eigenen Reihen ist Verwirklichung von Poesie nicht zu haben.

Gabriele ZIMMER auf dem Parteitag an die Kommunistische Plattform: "Sagt mir, wie ihr in den nächsten 15, 20 Jahren solche Ziele verwirklichen wollt". Dazu nannte sie für utopisch erachtete Parameter wie: Vollbeschäftigung, umfassende Bildung für alle, kulturellen Aufschwung, bezahlbaren Wohnraum, kostenlose Gesundheitsfürsorge, konsequenten Antifaschismus ... Das war ungewollt zynisch. Denn all diese Errungenschaften hat es in der DDR gegeben.

Der Cottbuser Parteitag der PDS war systemaffirmativ, pseudodemokratisch und, bei aller Bemühung eines BRECHT-Fragments, fernab von Poesie. Die Zermürbungstaktik der hauptamtlichen Führer, indem sie die Genossen von einem Parteitag zum anderen hetzten, war aufgegangen. Handzahm nickten die Delegierten alle Programmpunkte zur "Öffnung nach der Mitte" ab, ohne deutlich sozialistische Grundsätze einzufordern. Das schleichende Ankommen im bürgerlichen Parteienzirkus kann stattfinden. Als Mitglied der PDS schäme ich mich für dieses Regietheater.

Warum ich trotzdem in dieser Partei verharre? Weil ich die alten treuen SED-Genossen, die damals ihre Dokumente nicht weggeschmissen haben, die in der neuen Partei dasjenige Kontinuum wähnten, in welchem in der DDR vorhandene sittliche Werte weitergetragen würden, nicht im Stich lassen will. Der Genossin ZIMMER antworte ich mit BRECHT: Wollen wir es schnell erreichen / brauchen wir noch Dich und Dich

Wer im Stich läßt seinesgleichen / läßt ja nur sich selbst im Stich Als die langhinscheidende Parteispitze die Staffettenübergabe in ihrem Sinne an die neue Leitung gewährleistet sah, ging sie Fußball gucken, nicht ohne einen vorbereiteten Zauberspruch abzusetzen.

Nein, Genossen, für Gabi tu ich nicht alles. Ich bin kein dienstbarer Geist aus dem Wirtshaus im Spessart. In Anlehnung an die bisher klügste Einsicht von Lothar BISKY: "Die PDS ... darf nie eine antikommunistische Partei werden", verteile ich nachher DAS KLEINE BLATT der DKP-Gruppe Niederlausitz.

Redebeitrag auf der PDS-Kreisdelegiertenkonferenz in Groß Köris im November 2000

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