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Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: August 2003

Das Schicksal des Balkans und die Großmächte: 125 Jahre seit dem Berliner Kongreß vom Juni/Juli 1878

Prof. Dr. Anton Latzo, Potsdam

Natürlich sind die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Staaten des Balkans und ihre internationale Stellung heute nicht mechanisch mit jenen vom Ende des 19. Jahrhunderts und danach zu vergleichen. Doch gibt es allgemeine Züge, vor allem in den äußeren Existenzbedingungen dieser Staaten, die es als lohnend erscheinen lassen, auch unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Probleme hinterfragt zu werden.

Der Balkan hat eine bewegte Geschichte. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Völker dieses Teils der Welt über Jahrhunderte hinweg keine zusammenhängenden zwei Jahrzehnte in Frieden gelebt. Die fünfhundertjährige türkische Besetzung wurde mit Unterstützung der europäischen Mächte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beendet. Am Zerfall des türkischen Imperiums waren besonders Österreich und Rußland interessiert. Hinzu kamen noch England und Frankreich und später Deutschland. Das schuf einerseits günstige internationale Bedingungen für den Befreiungskampf der Völker des Balkans gegen das türkische Joch. In diesem Prozeß entstanden zwar formell unabhängige Staaten auf dem Balkan. Aber über die Gestaltung dieser Staaten entschieden im wesentlichen machtpolitische Interessen der europäischen Großmächte, zu denen nach dem ersten Weltkrieg noch die USA dazukamen.

Wichtig für das Einordnen des Berliner Kongresses ist die Berücksichtigung der Tatsache, daß die europäische Politik vor diesem Kongreß von der "orientalischen Frage" dominiert war, die eigentlich nichts anderes darstellte als die Auflösung des türkischen Imperiums. Dazu war die Befreiung der unterdrückten Völker ein entscheidender Hebel. Den Nutzen wollten aber die europäischen Mächte einfahren. Dabei wollte jede dieser Mächte den einseitigen Vorteil auf Kosten der anderen so groß wie nur möglich gestalten. Dementsprechend trafen die verschiedensten Widersprüche und Rivalitäten zwischen den großen Mächten auf dem Balkan aufeinander. Dies erfolgte zusätzlich unter den Bedingungen, daß das europäische Gleichgewicht insgesamt, verursacht durch die Schwäche der Pforte, in einer Phase des Umbruchs war.

Im Jahre 1875 wird die "orientalische Frage" explosiv und tritt in eine entscheidende Phase ein durch den Ausbruch des Aufstands in Bosnien-Herzegowina, den bulgarischen Aufstand vom April 1876, die Erringung der staatlichen Unabhängigkeit Rumäniens 1877, den Krieg Serbiens und Montenegros gegen die Hohe Pforte. Begonnen hat es mit der Erringung der staatlichen Unabhängigkeit Griechenlands 1829. Abgeschlossen wurde die Phase der Erringung der staatlichen Unabhängigkeit 1908 durch Bulgarien und 1913 durch Albanien.

Der Berliner Kongreß von 1878 (13. Juni bis 13. Juli) war eine Konferenz der europäischen Großmächte und der Türkei unter Vorsitz Bismarcks. (Wie gelang es Bismarck, den Kongreß nach Deutschland zu bekommen? Bismarck verstand es, kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches und als Neuling im Konzert der europäischen Großmächte, im Rahmen der Interessenrivalität dieser Großmächte eine gewisse Uninteressiertheit Deutschlands in Zusammenhang mit den Zielen der Mächte im Orient vorzutäuschen. Er gab vor, eine Politik des Gleichgewichts zu verfolgen, die auf die eigene Sicherheit und den Frieden Europas ausgerichtet sei, Unparteilichkeit gegenüber den anderen Großmächten verfolge - eine Linie, die offensichtlich nicht ohne Einfluß auch auf die heutige Außenpolitik Deutschlands blieb.) Zum Abschluß wurde der "Friede von Berlin" von England, Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Italien, Rußland und der Türkei unterzeichnet. Die Staaten bzw. betroffenen Völker, um deren Schicksal es ja schließlich ging, waren weder vertreten noch wurden sie gefragt.

Der "Frieden von Berlin" kam zustande, nachdem England und Österreich-Ungarn darauf bestanden hatten, daß der "Vorfrieden von San Stefano", der nur drei Monate vorher zwischen Rußland und der Türkei abgeschlossen wurde, einer Revision unterzogen wird. Sonst müsse es zum Krieg kommen. Ihnen war die Neuordnung der Verhältnisse auf dem Balkan, wie sie im Frieden von San Stefano vereinbart wurde, zu stark unter maßgeblich russischem Einfluß erfolgt.

Der Berliner Kongreß der europäischen Großmächte beendete den russisch-türkischen Krieg und revidierte den Vorfrieden von San Stefano. Rußland mußte auf die Errichtung eines Großbulgarien verzichten. Österreich-Ungarn erhielt das Recht der Besetzung Bosniens und Herzegowinas, Zypern kam endgültig zu Großbritannien. Die Türkei wurde ausgeplündert usw.

Nur kurze Zeit nach der bekannten Reichsgründung sah Bismarck im Berliner Kongreß eine Möglichkeit, Deutschland als "ehrlichen Makler" zu profilieren. Nachdem Europa die Umstände der Reichsgründung erlebt hatte, wollte er den anderen Mächten die Furcht vor einem Eroberungsdrang Deutschlands nehmen. Das politisch-diplomatische Verhalten Deutschlands auf der Konferenz wurde von den außenpolitischen langfristigen Zielen des Reiches bestimmt. Bismarck selbst formulierte, "daß unser Hauptinteresse ... in der Stellung (liegt), in welche die uns befreundeten Mächte zu uns und untereinander gebracht werden" (Vertrags-Ploetz,1958, S. 472). Deutschlands Hauptaufmerksamkeit war also schon damals, wie auch bei den anderen beteiligten Mächten, nicht primär auf den Inhalt des Konflikts und auf eine dauerhafte Lösung der Probleme auf dem Balkan gerichtet, sondern auf die eigenen (perspektivischen) Interessen und auf die Gestaltung solcher Bündnisbeziehungen und Bedingungen, die ihre Durchsetzung zu einem günstigen Zeitpunkt ermöglichten.

Das Verhältnis Deutschlands zu Staaten des Balkans und zu den Großmächten wurde zusätzlich durch das Interesse an der Bagdad-Bahn geprägt, in deren Errichtung man eine Voraussetzung für die Ausweitung des Absatzmarktes für deutsche Waren sah.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus trat das Problem der Neuaufteilung mit aller Macht auf den internationalen Plan, ein Problem, das bis heute nicht gelöst wurde und unter kapitalistischen Bedingungen nicht gelöst werden kann, sondern immer wieder- und nach 1989 erneut - auf die Tagesordnung gesetzt wurde.

Das hatte schon damals gravierende Auswirkungen nicht nur auf die den Balkanstaaten zugedachte Rolle des Spielballs bei der Austragung von Interessenwidersprüchen zwischen den Großmächten, sondern auch für die innere Entwicklung der Balkanstaaten. So schuf z.B. die Entstehung selbständiger Staaten auf der Halbinsel auch günstige Bedingungen für die Entwicklung des Kapitalismus auf dem Balkan. Es war aber ein Kapitalismus, der immer im Schlepptau der kapitalistischen Großmächte Europas blieb. Das sollte später, im 20. Jahrhundert, nicht in die Interessenkonfiguration der USA hineinpassen und deren aktives Handeln prägend beeinflussen.

Zugleich ist darauf hinzuweisen, daß sich zwar selbständige Staaten gebildet haben, aber auf dem Balkan gibt es keinen einzigen Staat mit einer einheitlichen nationalen Zusammensetzung. Das liegt auch daran, daß die nationalen Interessen der Balkanvölker, die Grenzziehungen zwischen den Staaten schon 1878 den machtpolitischen Erwägungen der Großmächte völlig untergeordnet wurden. Infolgedessen blieb die Balkanhalbinsel nach 1878 ein ständiger Krisenherd der europäischen Politik. Die ungelösten Probleme des Berliner Kongresses wurden zu einem der Ausgangspunkte für die Balkankriege, für den ersten Weltkrieg und wirken bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Unter der Bedingung des Untergangs des Habsburger Reiches, des Sieges der Oktoberrevolution in Rußland, der Niederlage Deutschlands fand Ende 1918 die Pariser Friedensvertragskonferenz statt, die ein neues Kräfteverhältnis zwischen den kapitalistischen Staaten festschreiben sollte. Aber weder der Krieg noch der vereinbarte Frieden konnte die Widersprüche zwischen den Großmächten beseitigen, die ursprünglich zum Krieg geführt hatten. Im Gegenteil. Es wurden neue Quellen für Spannungen und Zusammenstöße gelegt. Einig war man sich gegen die Sowjetunion.

Das Versailler System hat zwar in Bezug auf den Balkan und Südosteuropa eine Reihe neuer Erscheinungen vertraglich verankert: Rumänien in neuer territorialer Ausdehnung, die Bildung eines neuen multinationalen Staates Jugoslawien, die Anerkennung des albanischen Staates durch eine internationale Konferenz.

Zugleich wurden neue Probleme in die Welt gesetzt, weil die Großmächte sich nicht einigen konnten. Es wurden vielfältige Aspekte der Minderheiten, territoriale Streitfragen und Fragen des Zugangs zum Ägäischen Meer offengelassen, wodurch sich das politische Bild auf dem Balkan noch komplizierter gestaltete. Diese Probleme wurden zwischen den Balkanstaaten schon in den ersten Jahren durch neue Linien der französischen, italienischen, britischen und deutschen Politik überlagert.

Zusätzlich zu den bisherigen Streitfragen tauchte auch die sogenannte "territoriale Frage" als Problem zwischen den Balkanstaaten auf, die im Rahmen des Versailler Systems Gebiete abgeben mußten und denjenigen, die solche dazubekamen. Dieses Problem konnte von den Großmächten immer wieder - bis in die Gegenwart hinein - instrumentalisiert werden. Der Grad der Instrumentalisierung wurde und wird vom Grad der Abhängigkeit der einzelnen Balkanstaaten von den Großmächten geprägt. Verschiedene Versuche der Balkanstaaten, eine eigenständige Zusammenarbeit untereinander zu entwickeln, konnten z.B. immer wieder wirkungslos gemacht werden, weil immer die Alternative ins Spiel gebracht wurde: Revision des Versailler Systems oder Erhaltung des Status quo.

Eine genauere Betrachtung der Geschichte zeigt aber auch, daß als Ursache der immer wieder ausgebrochenen Konflikte und Kriege nicht so sehr die direkten Probleme zwischen den Völkern und Staaten dieser Region gewirkt haben, sondern die Konfrontation der Interessen der kapitalistischen Großmächte und ihrer imperialistischen Politik. Viele Jahre, die meiste Zeit in der Periode seit 1878, war der Balkan Handelsobjekt zwischen den Großmächten der jeweiligen Zeit. Auch wenn diese Mächte sich im Laufe der Zeit manchmal ablösten, das Schicksal des Balkans war immer Gegenstand des Kampfes zwischen ihnen bei der Eroberung neuer Interessen- und Einflußsphären. Die Leidtragenden waren immer die Völker. So wurde der Balkan zum "Hinterhof Europas", zum "weichen Bauch Europas", obwohl er in der Geschichte der Menschheit "Wiege der Kultur" war, wenn man z.B. an die griechische Geschichte oder an die römische Geschichte denkt!

Das ist die eine Linie in der Geschichte des Balkans. Eine andere Linie des 20. Jahrhunderts besteht im Streben der Völker dieses Teils des europäischen Kontinents, günstige Bedingungen zu schaffen, um sich den Einmischungen von außen mit Aussichten auf Erfolg zu widersetzen. Die ersten multilateralen Versuche dieser Art, die von Balkanvölkern unternommen wurden, wie zum Beispiel das Projekt einer militärischen Allianz (1912) oder des ökonomischen Zusammenschlusses (1913) gelingen nicht. Aber die Idee wird nicht aufgegeben. Sie wird nach dem ersten Weltkrieg 1926, 1929 und 1930 wieder aufgegriffen. Ab 1930 werden eine Reihe Balkan-Jahreskonferenzen durchgeführt. 1934 wird der Balkanpakt abgeschlossen.

Obwohl bei den einzelnen Versuchen nicht alle Balkanstaaten beteiligt waren, obwohl es auch Gegeneinander u.a. auch deshalb gab, weil Großmächte hinter einzelnen Staaten standen, lohnt es sich auf diese Versuche hinzuweisen, weil sie im Laufe der Zeit eine Tradition gebildet haben, deren Hauptelement die Idee der Verständigung und der gegenseitigen Unterstützung war. Der Hinweis darauf soll auch die Behauptung widerlegen, daß die Völker des Balkans besonders kriegerisch, uneinsichtig im gegenseitigen Verhältnis (nationale Intoleranz) usw. seien und es deshalb zu Auseinandersetzungen auf dem Balkan komme.

Vom Gegenteil spricht besonders die Erfahrung nach dem zweiten Weltkrieg. Es entwickelte sich ein ganzes System der Zusammenarbeit zwischen den Staaten und den gesellschaftlichen Organisationen der interessierten Staaten des Balkans. Es zeigte sich, daß in der Zeit, in der die meisten Balkanvölker frei von Kapitalismus waren, sie auch frei von Kriegen blieben. Ihr Verhältnis zueinander war grundsätzlich von konstruktiver Zusammenarbeit charakterisiert. Die Hauptlinien ihres gegenseitigen Verhältnisses mündeten in der Idee der Verständigung und der kollektiven Sicherheit in der Balkan-Region, in der Umwandlung dieser Region in eine Zone des Friedens und der guten Nachbarschaft, die mit entsprechenden Garantien der Großmächte realisiert werden sollte. Dies war die Vision einer Region der Zusammenarbeit und der Entspannung, die frei von Atomwaffen, von ausländischen militärischen Kräften und Stützpunkten sein sollte und in der die Anwendung bzw. Androhung von Gewalt verboten sein sollte. Statt der Verwirklichung dieses Strebens kamen, nach Wiederinthronisation des Kapitalismus, die Aggressionen und Kriege der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Der Krieg gegen Jugoslawien, der die Traditionen der imperialistischen Politik auf dem Balkan wieder aufnahm, war Auftakt einer Kette von Kriegen der imperialistischen Großmächte, um die Interessen des Großkapitals der angreifenden Staaten und der internationalen Konzerne durchzusetzen. Der Krieg ist wieder zu einem Mittel der Politik geworden. Er wurde wieder als Ersatz für Politik etabliert. Und Deutschland ist dabei! Auf die deutsche Politik bezogen sei darauf hingewiesen, daß es damals um die Bagdad-Bahn ging. Heute spricht die deutsche Regierung von der "Verteidigung am Hindukusch", was die Gleichgerichtetheit der Interessen des deutschen Großkapitals auch symbolisch zum Ausdruck bringt.

Nur vier Jahre nach dem Balkankrieg von 1999 muß man schon die Aggressionen gegen Afghanistan und gegen Irak hinzufügen. Der rücksichtslose Einsatz nackter militärischer Gewalt gegen kleinere Länder zugunsten strategischer Großmachtinteressen ist wieder zum Normalfall geworden. Dabei hat man sich auch an die Verletzung der nationalen Souveränität und der anderen Grundprinzipien des Völkerrechts und an die de-facto-Rückkehr der kolonialistischen Unterwerfung wieder "gewöhnen" müssen. Nicht Recht und Zusammenarbeit, sondern Diktat und Macht sind wieder bestimmende Faktoren.

Diese Zeit hat aber auch bewiesen, daß auch die Widersprüche zwischen den Großmächten wieder relevant geworden sind. Angesichts der in der Zeit seit 1878 bewiesenen Unfähigkeit des Kapitalismus, seine Widersprüche friedlich zu lösen, stellt sich die Frage nach der Perspektive des Friedens heute und in der Zukunft!

Die "bösen Geister", die Ende des 19. Jahrhunderts die europäische Politik bestimmten, konnte der Kapitalismus im Verlaufe des 20. Jahrhunderts nicht loswerden, weil sie ihm immanent sind. Trotzdem glauben noch Leute, daß sie den Kapitalismus "transformieren" können.
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