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07. September 2006

Auch vor der eigenen Tür kehren: nur frühzeitige Förderung hilft nachhaltig

Aus Anlass des morgigen Weltalphabetisierungstages erklärt das Mitglied des Parteivorstandes Rosemarie Hein:

770 Millionen Menschen, die weltweit nicht lesen und schreiben können und 100 Millionen Kinder, die nie eine Schulausbildung erhalten, machen das Problem deutlich: Lesen und schreiben zu können, ist in einer auf Kommunikation angewiesenen Welt von höchster Bedeutung für das Leben von Menschen, ihre Teilhabe an der Gesellschaft, für ihr Wohlergehen. Nicht lesen und schreiben zu können, heißt ausgeschlossen zu sein, macht die Bedingungen, die eigene Existenz sichern zu können, ungleich schwerer.

Am Weltalphabetisierungstag erinnern viele Politikerinnen und Politiker daran, dass es eine vornehmlich internationale Aufgabe ist, Menschen ungeachtet ihrer sozialen Herkunft, ungeachtet ihrer Nationalität den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Alphabetisierung wird ohne mehr soziale Gerechtigkeit nicht zu erreichen sein. Dies ist angesichts der massiven Entwicklungsdefizite in vielen Ländern der Welt eine große Herausforderung und vor allem eine große Verantwortung für die reichen Länder dieser Welt. Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu diesen. Die Aufwendungen für Entwicklungshilfe müssen deutlich erhöht werden.

Doch Deutschland hat auch vor der eigenen Tür zu kehren. Wenn trotz allgemeiner Schulpflicht etwa 4 Millionen Menschen in Deutschland Analphabeten sind, dann stellen sich hier kritische Fragen an das deutsche Schulwesen. Man mag PISA mögen oder nicht, die Feststellung, dass jeder zehnte Schüler in Deutschland nach acht oder neun Jahren Schulbesuch nicht einmal die unterste Kompetenzstufe im Lesen erreicht, ist ein Skandal. Ein Viertel hat nur schlechte Lesekompetenzen und so wenig Aussichten auf einen Ausbildungsplatz.

Eine Schule die Analphabeten, auch funktionale Analphabeten aus der Schule entlässt, hat versagt. Der vollmundigen Aufgabe, auf das Leben vorbereiten zu wollen, hat sie dann nicht erfüllt. Die halbherzigen Gegensteuerungsversuche des Bundes und der Länder – hier eine Stunde mehr Deutsch, dort ein Hilfsprogramm – werden nichts ausrichten können, wenn nicht endlich die Einsicht folgt, dass nur frühzeitige Förderung von Kindern und ein intensiver Nachteilsausgleich den fatalen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg durchbrechen und Analphabetentum in einem hoch entwickelten Land beseitigen kann.