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01. Juni 2007 - Steffen Bockhahn

Zeit zum Nachdenken

In wenigen Tagen ist es dann so weit. Die acht Staatschefs, die sich für die wichtigsten der Welt halten, treffen sich im schönen Heiligendamm. Luftlinie 27 km von meiner Wohnung entfernt - real sind Welten dazwischen. Nicht nur emotional, sondern auch von der Erreichbarkeit her. Selbst die Polizei geht inzwischen davon aus, dass man von Rostock in das nur etwas mehr als 20 km entfernte Bad Doberan mehrere Stunden brauchen könnte. Da bleibt natürlich Zeit zum Nachdenken. Man könnte darüber nachdenken, ob es richtig ist, dass so viele Leute demonstrieren wollen. Ohne diese ewigen Weltverbesserer müssten ja schließlich nicht so viele Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden und dann könnte man auch in der gewohnten Zeit die Strecke schaffen. Einige wenig progressive Organisationen der Region haben solche Thesen nicht erst einmal geäußert.

Glauben tut das aber zumindest hier kaum noch ein Mensch. Inzwischen haben ja auch die Bundeskanzlerin und der Bundesinnenminister die Demonstrierenden willkommen geheißen. Dann muss das wohl doch in Ordnung sein, wenn selbst die nichts dagegen haben. Schließlich hat Schäuble sogar gesagt, dass wenn jemand meint, so wie das in Afrika läuft, kann das nicht weitergehen, dann ist das gut, wenn man demonstriert. Wir halten fest: Es gibt Demonstrationen von Innenministers Gnaden. Nur ein paare Fragen hätte ich dann doch. Ist es auch in Ordnung dagegen zu protestieren, dass man sich wegen des Sicherheitswahns und der ordnungspolitischen Hochrüstung rund um Rostock nicht mehr wirklich frei fühlt? Darf man auch sagen, dass die Afrika-Agenda der Kanzlerin völlig untauglich ist, nur Konzernen der Industrienationen nützt und Afrika noch weiter ins Elend stürzen wird? Sie will nämlich nur das Investitionsklima für Auslandskapital verbessern. Wie soll aber auf diese Weise eine eigenständige Wirtschaft entstehen? Aber ich glaube, das interessiert den Innenminister nicht wirklich. Er hat sich doch eher darum zu kümmern, wie er Demonstranten vor sich selber schützen kann. Zum Beispiel mit Demonstrationsverboten, Razzien und gnadenloser Überwachung. Und die Panikmache wirkt. In Rostock sind am Samstag während der Großdemo nur die wenigsten Geschäfte in der Innenstadt geöffnet. Die Polizei hat Geschäftsleuten empfohlen besondere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Die machen das aus nachvollziehbaren Gründen und vernageln ihre Schaufenster. Wenn das die Tourismuswerbung ist, die der Gipfel der Region bringen soll, wird das mit Sicherheit ein Erfolg. Schon wieder dieses Wort. Sicherheit. Ich glaube fast, dass ich mich das nächste Mal erst wieder sicher fühle, wenn ich merke, dass etwas unsicher ist. Das würde mir nämlich zeigen, dass wir immer noch in einem Rechtsstaat leben, der eine offene Gesellschaft schützen soll. Da gibt es keine 100%-ige Sicherheit. Aber wollten und wollen wir nicht alle eine Gesellschaft, in der man sich frei entfalten, seine Meinung äußern und seine Bewegungsfreiheit genießen kann? Wollten und wollen wir nicht ein Demonstrationsrecht, das einem ermöglicht, seine Meinung denen mitzuteilen, die es hören sollen? Bei 12km breiten Bannmeilen rund um Heiligendamm merkt man leider nicht sehr viel davon.

Ein guter Freund, der Demonstrationen bisher für einen sinnlosen Zeitvertreib notorischer Gutmenschen hielt, wird auf die Strasse gehen. Die G8 interessieren ihn nicht. Er will nur, dass Schäuble zugeben muss, dass er übertrieben hat. Weil die Menschen friedlich, phantasievoll und im vollen Bewusstsein ihrer Rechte demonstriert haben. Außerdem will er nicht, dass 16.000 Polizisten kommen und dann haben die niemanden zum beschützen. Auch ein Grund. Mit Sicherheit.


Steffen Bockhahn

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