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Närrische Illusionen am roten Pranger

Der Reporter und Schriftsteller Marcel Brun, bekannt als Jean Villain, der im August 2006 im uckermärkischen Dreesch starb, wollte Rechenschaft über sein Leben abgeben, das er als Schweizer größtenteils anderswo verbracht hat - und zwar ausgerechnet in Ostdeutschland. Nicht nur viele Schweizer hielten ihn deswegen für verrückt, sondern auch viele Ostdeutsche. Trotzdem erreichten seine Bücher über kapitalistische und Drittwelt-Länder, die sich durch sorgfältige Recherche und beträchtliche literarische Qualitäten auszeichneten, in der DDR hohe Auflagen. Sie wären noch höher gewesen, wenn Villain seine kritische Form der literarischen Reportage auch auf das Land hätte ausdehnen können, in dem zu arbeiten er sich 1961 hoffnungsvoll entschlossen hatte. Das war erst nach 1989 möglich. Wenn die Auflagen nun auch klein waren, so enthielten seine letzten Bücher doch regelrechte Kabinettstücke einer Chronik der Wende, in der die Spannung zwischen den Geschehnissen auf der weltpolitischen Bühne bis ins konkrete Leben der Provinz hinunter dekliniert wurde - und zwar ohne Liebedienerei gegenüber alten oder neuen Mächtigen. Für ihn als "Ausländer" stellte sich das Problem einer persönlichen Bilanz jedoch drängender als für geborene Ostdeutsche, die die Wende auch als Schicksal empfinden konnten, im positiven wie im negativen Sinne.

Ein überraschend großer Teil der Autobiographie ist dem Problem gewidmet, daß Reporter, die es verstehen, sich detaillierte Informationen über brisante Themen zu verschaffen, offenbar von Geheimdiensten aller Art scharf beobachtet werden. Villain zitiert viel aus den Akten der Geheimdienste der Schweiz und der DDR; die der deutschen Bundesrepublik sind bekanntlich nicht einsehbar. Damit entgegnet er nicht allein dem Zeitgeist, der nur die "Indianerspiele" der östlichen Dienste an den Pranger stellt. Indem er auch freimütig über seine in diesen Zusammenhängen entstanden Ängste und Haltungen schreibt, die ihm viel Lebenskraft kosteten, lenkt er den Blick auf eine auch von Journalisten kaum beleuchtete Seite dieses Berufs. Daß der gegenwärtig zwischen Justiz und Journalisten hart umkämpfte ´Quellenschutz`, den die Gesprächspartner der Reporter einer wirklich freien Presse genießen sollten, nicht nur in totalitären Regimen in Frage stand und steht, ist die wichtigste Erkenntnis, die das Buch provoziert. Wer ernsthaft ´unabhängige Berichterstattung` anstrebt, kann lernen, dass es für Reporter unabdingbar ist, jeder Verpflichtung gegenüber Geheimdiensten zu widerstehen. Eine weitere Regel ist, daß Recherchen manchmal zwar tatsächlich in juristischen Grauzonen stattfinden, ein Reporter sich aber im Alltagsleben um so mehr um Kenntnis und Einhaltung von Gesetzen bemühen muss. Denn je unbequemer er ist, je mehr wird man versuchen, Vorwände für seine Kriminalisierung zu finden um ihn schließlich zur Kollaboration zu erpressen.

Dem 1928 in Genf geborenen Jungen "aus gutem Hause" wurde es nicht an der Wiege gesungen, daß er die Chancen seiner Herkunft in den Wind schlagen würde. Es waren die auch die kriegsverschonte Schweiz heimsuchenden Verunsicherungen, die Villain die Lust am Universitätsstudium schmälerten. Schon der von Kisch begeisterte Gymnasiast hatte - "ohne die dafür erforderlich gewesene Erlaubnis des Rektors einzuholen" Artikel in Regionalzeitungen und Periodika publiziert über Schicksal und unsichere Zukunft von Kriegswaisen aus Osteuropa. Sie waren im Trogener Pestalozzi-Kinderdorf untergebracht, für das er einen freiwilligen Aufbaueinsatz geleistet hatte. Während er eine Journalistenschule besuchte, die von einem unter bundespolizeilicher Aufsicht stehenden Linken geleitet wurde, geriet er 1949 schon selbst in die Akten, als er eine Reportage über die Arbeiten vorschlug, "die während der Nacht geleistet werden müssen, um das normale Leben einer Großstadt zu sichern". Die "eingehenden Erhebungen" förderten, wie es in der Akte heißt, "sowohl in polizeilicher als auch in politischer Hinsicht" nichts "Nachteiliges" zu Tage. Von der Ausbildung enttäuscht, wurde Villain Volontär beim sozialdemokratischen Volksrecht, wo er in großer journalistischer Freiheit viele Spalten "Erzähltes Leben" mit Lokalberichten aus Zürich, aber auch schon mal aus Frankreich füllte. Einen Skandal provozierte ein Artikel, den er während der Ausbildung zum Gebirgsschützen über Schikanen bei der Rekrutenausbildung schrieb. An der politischen Schulung, die Werte wie ´Vaterlandsliebe` vermitteln wollte, kritisierte Villain kess, dass man nur zufällig in sein Vaterland hinein geboren werde und dieses nur bis zum eigenen Gartenzaun reiche, der "ebenso gut am Rande New Yorks oder Moskaus plaziert" sein könne. Der Rest der Vaterländer gehöre doch "ganz anderen Leuten". Villain erhielt eine Replik der NNZ, die am 29. August 1948 feststellte, dass er "gerade das, was dem traditionsbewussten Schweizer lieb und teuer ist, als blauen Dunst und närrische Illusionen an den roten Pranger" gestellt habe.

Damit war Villain als vaterlandsloser Geselle gestempelt. Tatsächlich hatte er sich schon als Kind obsessiv mit Seeschiffen beschäftigt, magisch zog es ihn in andere Länder und Kontinente. Nach dem Militärdienst beschloß er, von den politischen Unruhen Norditaliens zu berichten. Da das Volksrecht seine Texte bald nicht mehr druckte, schiffte er sich mittellos nach Israel ein, dessen Kollektivkultur ihn anzog. In einem linken Kibbuz mit marxistischer Bibliothek wurde er als Tischler ausgebildet. Aber der definitive Eintritt scheiterte nicht nur, weil Villain ein ´Goj` war, sondern auch, weil er sich plötzlich für das verlassene Araberdorf interessierte, das man in der Ferne liegen sah. Außerdem war - offenbar von Geheimdiensten - beobachtet worden, daß er, wenn er im Land herum reiste, Kontakte mit Arabern nicht scheute. Im Kibbuz hatte er jedoch ein Presseorgan kennengelernt, das in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands herausgegeben wurde - die Weltbühne, eine Neuauflage der berühmten Zeitschrift Tucholskys und Ossietzkys im knallroten Heftchenformat. Erst nachdem er mangels Überlebensmöglichkeiten Israel verlassen mußte, erfuhr er, daß Kibbuz-Berichte von ihm trotz postalischer Schwierigkeiten bei der Weltbühne angelangt und gedruckt worden waren. Jedoch konnte das Blatt vorerst nur mit ostzonaler Währung löhnen.

Zunächst ging Villain wieder nach Italien, von wo er 1950 ausgewiesen wurde, u. a. weil er in Streiks recherchierte und festgenommen worden war. Zuvor wurde er zum Schweizer Konsul zitiert, der erkunden mußte, wieso er sich in Angelegenheiten eines befreundeten Landes einmische. Einen Brief des Konsuls vom 27. März 1950 über diese Begegnung, die jeglichen Respekt vor journalistischer Recherche vermissen läßt, fand Villain in seiner Akte bei der Schweizerischen Bundespolizei: "Brun machte persönlich nicht den besten Eindruck. Nach Informationen, die mir zur Kenntnis gebracht wurden, scheint der Betreffende Jude zu sein und eifrigst mit der Leitung der kommunistischen Partei in Sestri zu verkehren". Der Konsul forderte Informationen zur Person an, um mit italienischen Behörden arbeiten zu können. Die der Bundesanwaltschaft zugeschickte Kopie trug einen Geheimcode mit der Bedeutung: "Überwiegendes öffentliches Interesse; Hinweise auf Erkenntnisse aus dem Bereich der Terrorbekämpfung". Allerdings erfuhr der Konsul am 13. April 1950, dass in politischer und in krimineller Hinsicht nichts gegen Brun vorläge.

Zwangsweise repatriiert, fuhr Villain schnell nach Berlin, um Kontakt zur Weltbühne aufzunehmen. Von ihr bekam er von nun an große Serienaufträge für Reportagen in Westdeutschland in Sachen Wiederaufrüstung, später dann auch für entferntere Weltgegenden wie Algerien, wo ab 1954 der Unabhängigkeitskrieg tobte und Südafrika, wo Widerstand gegen die Apartheid aufbrandete. Der rückblickend spektakulärste Coup, der ihm in Westdeutschland gelang, war ein Interview mit Herbert Wehner. Dessen Fraktion der SPD war bereit, auf den sowjetischen Vorschlag zur militärischen Neutralisierung Deutschlands als Basis einer schrittweisen Wiedervereinigung einzugehen. Das Interview wurde jedoch auf Anweisung des ZK der SED aus dem bereits fertigen Satz der Weltbühne entfernt. Gegen die politische und militärische Neutralität waren also nicht nur die CDU Adenauers und der rechte Flügel der SPD, sondern auch die SED-Führung, obwohl sie öffentlich dafür eintrat. Das im Anhang abgedruckte Interview dürfte heute vor allem für das historische Selbstverständnis der SPD problematisch sein.

Die Weltbühne konnte Villain nur ein Fixum von 400 Franken einschließlich Spesen zahlen. Reich werden konnte er damit nicht, auch wenn er seine Texte noch dem Vorwärts gab, die Zeitung der Schweizer Partei der Arbeit. Er arbeitete aus Überzeugung, nicht selten unter Gefahr für Leben und Gesundheit und setzte auch eigene Mittel dafür ein.

Obwohl er durch die halbherzige Auseinandersetzung mit dem Stalinismus im Gefolge des XX. Parteitags der KPDSU und der Invasion in Ungarn 1956 seine Hoffnungen hinsichtlich einer schnellen Evolution des Ostblocks verloren hatte, entschloß er sich 1961 - zunächst für zwei Jahre - nach Ostberlin überzusiedeln. Er hatte einen Auftrag für einen DDR-Reportageband. Offenbar teilte er die Erwartungen vieler Intellektueller, der Mauerbau eröffne die Chance, daß sich der Sozialismus - von außen weniger gestört - nun endlich doch demokratisieren würde. Daß auch dies eine Illusion blieb, teilte sich gerade Villain nur in Etappen mit. Zwar konnte kein Reportageband erscheinen, weil das Land nach Meinung seiner Zensurinstanzen doch noch nicht reif für seine Art des kritischen Hinterfragens war. Aber er konnte an der Planung anderer Projekte teilnehmen, die hoffen ließen, daß die Mächtigen von Partei und Staat in Sachen Reformen zumindest gespalten waren. Ein Teil wollte der Presselandschaft endlich die Souveränität zuzugestehen, mit der sie den Lesern seriöse Recherche und kritische Auseinandersetzung bieten konnte. Das erste Projekt zielte auf die Belebung der bislang drögen Neuen Berliner Illustrierten, wofür Villain den Auftrag bekam, in einem zweijährigen Kurs Reporter auszubilden. Das zweite betraf ein dem westdeutschen Spiegel entsprechendes Nachrichtenmagazin, das vor realsozialistischen Widersprüchen nicht haltmachen sollte. Profil kam über die Nullnummer, die an 180 ausgesuchte Leser geschickt wurde und geteilte Reaktionen hervorrief, nicht hinaus. Der Reporterkurs wurde nach eineinhalb Jahren ebenfalls gestoppt. Daß aus ihm später berühmt werdende Autoren wie Klaus Schlesinger, Landolf Scherzer, Anne Dessau hervorgingen, zeigt, wie fruchtbar diese Gehversuche einer demokratisierten Presselandschaft hätten werden können. Ihr Abbruch kostete nicht nur dem System weitere Glaubwürdigkeit, sondern auch den unmittelbar Involvierten viel Lebenskraft. Villain mag nicht ausschließen, daß der Krebstod seines Mitkämpfers Hans Otten, des Chefredakteurs der NBI und auch der plötzliche Tod seiner gesundheitlich fragilen Lebensgefährtin damit in Zusammenhang standen.

Fortan konnte er nur noch über das "nichtsozialistische Ausland" schreiben. Anfang der Siebziger wäre aber sogar ein Buch über Indien beinahe eingestampft worden, weil es - wie einst seine Italienberichte - die außenpolitischen Beziehungen hätte stören können. Trotz der zunehmenden Einengung dachte Villain nicht an Rückkehr. Auch in der Schweiz wäre er der Logik des kalten Kriegs nicht entkommen.

Da er Schweizer Medien seit 1989 als kompetenter Insider für DDR-Fragen galt, stieg sein Ansehen hier erheblich. Auch wurden Bücher von ihm in der Schweiz publiziert. Die Edition seiner Autobiographie, die auch Auseinandersetzungen mit persönlichen Lebensproblemen enthält, ist ein erster Schritt der Heimholung. In Deutschland ist eine angemessene Würdigung dieses großen Reporters zur Zeit wohl nicht möglich.

Sabine Kebir



Jean Villain (Marcel Brun)
Reisen ohne Rückfahrkarte
Ein Reporterleben

Zytglogge-Verlag Zürich 2007
445 Seiten, EUR 26,00
ISBN-13: 978-3729607354

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